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Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)
Erstes Buch

11. Cap. Die Vorstellung von einem unbekannten Gott führt zu Widersprüchen.

Ganz natürlich, erwidern sie, denn wer ist den Seinigen nicht so bekannt als den Fremden? Niemand. Gut, ich greife auch dieses Wort auf. Etwas Fremdes für Gott? was soll das heissen? Es würde ja für ihn, wenn er eben Gott wäre, nichts, was ihm fremd ist, geben. Denn das ist ja eben das Wesen Gottes, dass alles sein ist und alles zu ihm gehört, schon deshalb, damit er sich nicht sofort von uns sagen lassen müsse: „Was hat er denn also mit Leuten zu schaffen, die ihn nichts angehen?“ Doch davon ausführlicher am betreffenden Ort. Für jetzt genügt es, zu beweisen, dass der, dem nichts zugehört, auch selbst nichts ist. Denn wie der Demiurg eben infolge davon Gott und unbezweifelter Gott ist, weil alles ihm gehört und es nichts gibt, was ihm fremd wäre, so ist der andere eben deswegen kein Gott, weil alles ihm nicht gehört und ihm darum fremd ist. Wenn das Weltall dem Demiurgen gehört, so kann ich nicht einmal absehen, wo für einen zweiten Gott der Raum herkommen soll. Es ist ja alles von seinem Schöpfer in Besitz genommen und erfüllt. Wenn es für ein Götterwesen bei den Geschöpfen überhaupt noch Raum gibt, so konnte es offenbar nur für ein falsches sein. Die Wahrheit kommt durch die Lüge an den Tag. Warum sollte bei der grossen Anzahl der Götzen für den Gott des Marcion nicht irgendwo noch Platz sein?

Daher muss ich nach Analogie des Schöpfers auch noch die Forderung stellen, dass er als Gott aus Werken in irgend einer ihm eigentümlich zugehörigen Welt, Menschenart und Schöpfung, hätte erkennbar werden müssen, um so mehr, als die Welt in ihrer Verirrung Götterwesen, deren menschliche Natur sie zuweilen eingesteht, auch darum angenommen hat, weil jeder der betreffenden irgend etwas zu den Bedürfnissen und Bequemlichkeiten des Lebens1 beigetragen zu haben scheint. So ist es [S. 143] also nach Analogie des Gottes auch als göttliches Attribut angesehen worden, irgend etwas zu lehren oder zu zeigen, was dem Menschen nützlich oder notwendig ist. Dies göttliche Ansehen ist den falschen Gottheiten auf demselben Wege zugekommen, wie vorher der wahren. Der Gott Marcions hätte also doch wenigstens irgend eine besondere Erbsengattung hervorbringen müssen, um als ein neuer Triptolemus gepriesen werden zu können. Oder aber — man gebe eine der Gottheit würdige Ursache an, warum er nichts geschaffen hat, wenn er existiert. Denn, wenn er existierte, so würde er auch schöpferisch thätig gewesen sein nach der Analogie, dass auch unseres Gottes Existenz nur dadurch kundbar ist, dass er dies gegenwärtige Weltall geschaffen hat. Denn es dürfte ein- für allemal mit der Einrede seine Richtigkeit haben, dass es nicht möglich ist, einerseits den Demiurgen für einen Gott zu halten, und andrerseits für denjenigen, den sie ebenfalls für einen Gott gehalten wissen wollen, den Beweis nicht in derselben Weise zu führen, wie für den, den sie und alle Menschen für Gott halten. Da eben aus dem Grunde, weil der Demiurg die Welt erschaffen hat, niemand an seiner Gottheit zweifelt, so darf umgekehrt niemand den, der nichts geschaffen hat, für einen Gott halten, es sei denn, dass ein vernünftiger Grund dafür beigebracht würde.

Dieser müsste notwendig ein doppelter sein, erstens, dass er entweder nichts schaffen wollte, oder zweitens, dass er es nicht konnte. Ein Drittes gibt es nicht. Allein nicht gekonnt zu haben, ist Gottes unwürdig. Ob es seiner würdig sei, nicht gewollt zu haben, das will ich noch untersuchen. Sage mir, Marcion, wollte Dein Gott zu irgend einer Zeit sich zu erkennen geben oder nicht? Ist er aus anderer Absicht herabgestiegen, hat er gelehrt, gelitten und ist auferstanden, als dazu, dass er erkannt werde? Und dann, wenn er überhaupt erkannt wurde, so hat er es ohne Zweifel gewollt. Denn es würde in betreff seiner nichts geschehen, was er nicht gewollt hätte. Warum hat er sich also so grosse Mühe gegeben, bekannt zu werden, dass er sich sogar in der Niedrigkeit und Schmach des Fleisches darstellte, die um so ärger ist, wenn letzteres nur ein scheinbares war. Denn es ist schimpflicher, wenn er sich auch noch hinsichtlich der Substanz seines Leibes einer Lüge schuldig machte; abgesehen davon aber zog er sich auch noch den Fluch des Schöpfers zu, weil er am Kreuze hing. Viel schicklicher wäre es gewesen, durch irgend welche Kundgebungen seiner eigenen Thatkraft die Kenntnis von sich anzubahnen, zumal da die Kenntnis von ihm demjenigen entgegen treten sollte, bei welchem er nicht von Anfang an durch seine Werke bekannt war. Denn was soll es heissen, dass der Demiurg, wie die Marcioniten wollen, einerseits sich in Unkenntnis darüber befindet, dass es noch einen andern Gott über ihm gibt, während er eidlich versichert, der einzige zu sein und dabei die Kenntnis von sich durch [S. 144] so viele Schöpfungen sicher stellt? Da er in dem Glauben war, der einzige zu sein, so hätte er dafür gar nicht so eifrig besorgt zu sein brauchen. Der andere hingegen, der höher stehende, der weiss, dass der geringere Gott so gut für sich gesorgt hat, trifft gar keine Vorbereitungen für sein Bekanntwerden. Er hätte denn doch noch herrlichere und erhabenere Werke schaffen müssen, um als Gott dazustehen nach Art des Demiurgen, und zwar als der höhere und vornehmere durch bessere Schöpfungen als der Demiurg.

1: Z. B. das Feuer, die Kunst des Webens, Schmiedens etc.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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