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Tertullian († um 220) - Gegen Hermogenes. (Adversus Hermogenes)

45. Cap. Das ist aber eine der hl. Schrift ganz unbekannte Theorie.

Die Propheten und Apostel dagegen lehren nicht, dass die Welt in dieser Weise von Gott erschaffen sei durch sein blosses Erscheinen und Nähertreten, schon weil bei ihnen der Name Materie gar nicht einmal vorkommt, sondern zuerst sei die Sophia, der Anfang der Wege zu seinen Werken geschaffen und sodann das Wort hervorgebracht worden, durch welches alles und ohne das nicht erschaffen worden ist.1 Denn durch sein Wort sind die Himmel gefestigt und durch seinen Odem alle Kräfte des Erdkreises.2 Dieses ist die Rechte Gottes, dieses sind seine beiden Hände,3 mit welchen er wirkte und schuf. „Die Himmel”, heisst es, „sind das Werk deiner Hände”,4 mit welchen er auch den Himmel mass und mit seiner Spanne die Erde.5 Wolle also doch Gott dergleichen Schmeicheleien nicht sagen, als habe er durch seinen blossen Blick und seine blosse Annäherung so viele und so grosse Wesen hervorgebracht, nicht aber durch seine ihm eigenen Kräfte sie hergestellt. Letzteres legt auch Jeremias nahe mit den Worten: „Gott, der die Erde schuf in seiner Macht und den Erdkreis bereitete in seiner Weisheit, er breitete die Himmel aus in seinem [S. 100] Sinn.”6 Das sind die Kräfte, auf welche gestützt er dieses Weltall schuf. Grösser erscheint sein Ruhm, wenn er Arbeit damit hatte. Daher ruhte er denn auch am siebenten Tage von seinen Werken aus. Beides nach seiner Art. Oder aber, wenn er durch seine blosse Erscheinung und Annäherung diese Welt erschuf, dann ist er, da er zu schaffen aufhörte, wohl nicht mehr erschienen und hat sich ihr nicht mehr genähert? Im Gegenteil, nach Erschaffung der Welt fing Gott an, noch mehr zu erscheinen und war überall anzutreffen. Du siehst folglich, wie das Weltall gerade durch das Wirken Gottes besteht, durch die Macht des Schöpfers der Erde, durch die Weisheit dessen, der den Erdkreis bildete, durch den Sinn, der den Himmel ausbreitete, indem er sich nicht bloss sehen lässt und sich nähert, sondern alle diese Kräfte seines Geistes in Thätigkeit setzt, die Sophia, die Stärke, den Sinn, das Wort, den Geist und die Macht. Das hätte er alles nicht nötig gehabt, wenn er durch blosses Erscheinen und Annähern gewirkt hätte.7 Aber dies ist gerade „das Unsichtbare an Gott”, was nach der Lehre des Apostels seit der Erschaffung der Welt aus seinen Werken erkannt wird,8 nicht irgend eine unbekannte Materie, sondern sein eigenes geistiges Vermögen. „Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt”, wovon der Apostel ausruft: „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit, wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unergründlich seine Wege!”9 Was können diese Worte anders bedeuten, als dass alle Dinge aus nichts geschaffen sind?! Sie konnten nur durch Gott allein aufgefunden und erforscht werden; andernfalls, wenn sie nämlich aus der Materie ergründet und erforscht werden müssen, würden sie unergründbar geblieben sein.

So fest es also steht, dass es keine Materie gegeben hat, schon aus dem Grunde, weil sie die Beschaffenheit nicht haben kann, in welcher sie uns vorgeführt wird; ebenso sicher ist bewiesen, dass alles von Gott aus nichts geschaffen worden ist. Indem Hermogenes den Zustand der Materie als den beschreibt, worin er sich selbst befindet, nämlich als einen ungeordneten, verworrenen, wirren, als den einer unklaren, hastigen und gärenden Bewegung, so hat er damit eben nur einen Beleg von seiner Berufsart gegeben und sich selbst abgemalt.

1: Prov. 8, 22. Joh. 1, 3.
2: Ps. 33, 6 [Septuag. Ps. 32, 6]; [hebr.: Ps. 33, 6].
3: Is. 48, 13.
4: Ps. 101, 26 [hebr.: Ps. 102, 26].
5: Is. 40, 12. Nach dem Gedächtnis citiert.
6: Jerem. 51, 15.
7: Mit der Lesart perfectus fuisset kann ich nichts anfangen, profectus scheint schon eher zu passen. Der Sinn erfordert fecisset, operatus fuisset oder dergleichen.
8: Röm. 1, 20.
9: Ebend. [Röm.] 11, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger