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Tertullian († um 220) - Gegen Hermogenes. (Adversus Hermogenes)

3. Cap. Wenn die Materie, argumentiert er weiter, nicht immer existiert hätte, so wäre Gott nicht immer Herr gewesen; denn er hätte dann kein Objekt seiner Herrschaft gehabt. Dieses Argument aber kehrt sich gegen Hermogenes selber.

Daran reiht Hermogenes noch einen andern Beweis: Gott, sagt er, sei stets Gott und auch stets Herr gewesen und niemals nicht Gott. Nun sei es aber in keiner Weise möglich, dass er beständig als Herr und beständig als Gott gelte, wenn es nicht in früherer Zeit immer etwas gab, worüber er Herr war. Es habe also beständig eine Materie gegeben, für die er Herr und Gott war. — Diese seine Annahme will ich mich beeilen, gleich hier in ihr Nichts aufzulösen. Ich habe nur wegen der Unkundigen noch geglaubt, sie anführen zu sollen, damit sie sehen, dass man auch seine übrigen Beweise zu verstehen und zu widerlegen wisse.

In Betreff der Benennung „Gott” behaupten wir, dass sie sich stets bei ihm und in ihm gefunden habe, die Benennung „Herr” dagegen nicht. Es verhält sich nämlich mit beiden verschieden. Gott ist der Name für seine Substanz, d. h. das göttliche Wesen selbst, „Herr” dagegen bezeichnet nicht die Substanz, sondern die Macht. Die Substanz und ihr Name, nämlich Gott, waren stets bei einander; die Bezeichnung Herr folgte nachher, als Hindeutung auf ein hinzutretendes Moment. Seitdem es nämlich angefangen hatte, Dinge zu geben, an welchen sich die Macht des Herrn [S. 64] bethätigen konnte, von da an wurde er durch Hinzutritt des Machtverhältnisses dem Namen und der Sache nach Herr. Denn Gott ist ja auch Vater und auch Richter, ohne jedoch darum, weil er immer Gott ist, auch beständig Vater und Richter zu sein. Denn er konnte weder Vater sein vor dem Sohn, noch Richter vor der Sünde. Es war aber eine Zeit, wo es für ihn keinen Sohn1 und keine Sünde gab, wodurch er zum Richter und Vater hätte werden können. So war er auch nicht Herr vor der Existenz dessen, wovon er der Herr hätte sein können; sondern er sollte nur künftig Herr werden; wie er Vater durch den Sohn und Richter nach der Sünde wurde, so Herr durch das, was er zu seinem Dienste erschuf.

Scheinen dir das Spitzfindigkeiten, Hermogenes? Wacker steht uns die hl. Schrift zur Seite, welche diese beiden Namen bei ihm auseinander hält und sie zu ihrer Zeit hervortreten lässt, nämlich die Bezeichnung Gott, was er stets war, gibt sie ihm sofort: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde”2 und auch nachher noch, so lange er die Dinge noch schuf, deren Herr er sein sollte, setzt sie bloss den Namen Gott: Gott sprach, Gott machte, Gott sah, nirgends steht noch „Herr”. Als aber alles vollendet war und vor allem der Mensch selbst, der ihn im eigentlichen Sinne als Herrn anerkennen und auch als Herrn bezeichnen sollte, da erst wird auch noch die Benennung Herr beigesetzt: „Gott, der Herr, nahm den Menschen, den er gebildet hatte” und „Gott, der Herr, befahl dem Adam.”3 Seitdem er etwas hat, was ihm zugehört, ist er auch Herr, da er früher bloss Gott gewesen war. Denn Gott war er an und für sich; für die Dinge aber war er zu gleicher Zeit Gott, als er ihr Herr war. So sehr Hermogenes also überzeugt ist, es habe stets eine Materie gegeben, weil Gott stets Herr gewesen sei, in demselben Maasse wird es zur Gewissheit werden, dass einmal nichts existirte, weil es gewiss ist, dass Gott nicht immer Herr war. Ich will noch mehr darüber sagen, um derentwillen, die es noch nicht verstehen, zu denen Hermogenes in erster Linie gehört, und will seine Versuche gegen ihn selbst kehren. Da er nämlich behauptet, die Materie sei weder geschaffen noch geworden, so finde ich, dass auch in dieser Hinsicht die Benennung „Herr” der Materie gegenüber Gott nicht zukommt; denn sie muss notwendig unabhängig sein; da sie keinen Ursprung hat, so hat sie auch keinen Urheber; sie verdankt niemandem ihr Dasein. Daher ist sie auch niemandem unterthänig. Also von dem Augenblicke an, wo Gott seine Macht gegen die Materie bethätigte, indem er sie zum Schaffen verwendete, von diesem Augenblicke an liess sie Gott als Herrn über sich schalten und beweist damit, dass er dieses4 so lange nicht war, als sie jenes war.

1: Tertullian lehrt hier also vor Arius subordinatianisch. Vgl. unten c. 18.
2: Gen. 1, 1.
3: Gen. 2, 15 ff.
4: Nämlich Herr. Im folgenden ist mit Fr. Junius zu lesen haec oder besser wohl haec illud, nämlich libera.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger