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Tertullian († um 220) - Gegen Hermogenes. (Adversus Hermogenes)

18. Cap. Wenn Hermogenes eine eingehendere Lösung der Schwierigkeiten der Schöpfungslehre wünschte, so hätte ihm die heilige Schrift, besonders die Weisheitsbücher in der Lehre von der Sophia den richtigen Weg dazu weisen können.

Bedurfte Gott zur Erschaffung der Dinge in der Welt einer Materie, wie Hermogenes meint, so hatte er eine weit würdigere und passendere [S. 77] Materie, deren Kenntnis nicht bei den Philosophen zu holen, sondern bei den Propheten zu erwerben ist, nämlich seine Sophia. Denn diese hat allein den Sinn des Herrn erkannt. „Wem ist bekannt, was Gottes und was in ihm ist, ausser dem Geiste, der in ihm ist?”1 Die Sophia ist aber Geist; sie war seine Ratgeberin, sie ist der Weg der Erkenntnis und Wissenschaft, aus ihr hat er geschaffen, indem er durch sie und mit ihr schuf. „Als er den Himmel bereitete,” heisst es, „war ich bei ihm,2 als er fest machte über den Winden das obere Gewölk und als er sicher machte die Quellen dessen, was unter dem Himmel ist,3 da war ich bei ihm, alles befestigend. Ich war es, mit der er sich freute, ich ergötzte mich alle Tage vor seinem Angesichte,4 wann er sich ergötzte, als er den Erdkreis vollendete und sich an den Menschenkindern erlustigte.”5 Wer wollte nicht lieber sie für die Quelle und den Ursprung von allem ausgeben, für die wahrhaftige Materie aller Materien, die nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, nicht ihren Zustand wechselt, sich nicht unruhig bewegt, nicht formlos in ihrer Erscheinung ist, sondern ihm entsprossen, ihm zugehörig, wohlgeordnet und wohlgestaltet, wie sie Gott möglicherweise notwendig hatte, er, der mehr des Seinigen bedarf als des Fremden. So wie er sie daher als notwendig erkennt zu den Werken der Welt, ruft er sie hervor und erzeugt sie in sich selbst. „Der Herr,” heisst es, „hat mich eingesetzt zu Anbeginn seiner Wege zu seinen Werken. Vor der Zeitlichkeit hat er mich gegründet, bevor er die Erde schuf, bevor die Berge hingestellt wurden, vor allen Hügeln hat er mich gezeugt und vor dem Abgrunde bin ich geboren.”6

Hermogenes sollte also erkennen, dass die Geburt und Erschaffung sogar der Sophia deshalb gelehrt werde, damit wir nichts für ungeboren und ungeschaffen halten als Gott allein. Denn wenn innerhalb Gottes das, was aus ihm und in ihm selbst war, nicht ohne Anfang gewesen ist —seine Sophia nämlich — die von dem Zeitpunkt an geboren und geschaffen ist, seitdem sie zur Disponierung der Werke in der Welt sich in der Wahrnehmung Gottes zu regen anfing, so ist es viel weniger möglich, dass etwas, was ausserhalb Gottes existiert, keinen Anfang habe. Wenn aber die genannte Sophia der Logos Gottes, die Erkenntnis und die Sophia7 ist, ohne die nichts geschaffen, wie ohne die Sophia nichts disponiert worden ist, wie wäre es da noch möglich, dass irgend etwas neben dem [S. 78] Vater existiert, was älter wäre als der Sohn Gottes, das eingeborene und erstgeborene Wort, was darum offenbar auch noch erhabener wäre, um davon zu schweigen, dass das Ungeborene stärker ist als das Geborene, und das Unerschaffene mächtiger als das Geschaffene. Denn was, um ins Dasein zu treten, keines Urhebers bedurfte, das wird erhabener sein als das, was eines solchen bedurfte. Wenn mithin das Böse ungeboren, das Wort Gottes aber geboren ist, „er liess hervorquellen”, heisst es, „ein sehr gutes Wort”,8 dann weiss ich nicht, ob das Böse konnte vom Guten herangezogen werden, das Stärkere vom Schwächern, das Unentstandene vom Entstandenen. So setzt also Hermogenes auch in dieser Hinsicht die Materie über Gott, indem er sie über den Sohn stellt; denn der Sohn ist das Wort und das Wort ist Gott und „ich und der Vater sind eins”.9 Aber vielleicht lässt der Sohn es sich mit Gleichmut gefallen, dass die Materie, die dem Vater gleichgestellt wird, vor ihm selber den Vorzug erhält.

1: Nach Kor. 2, 11.
2: Sprichw. 8, 27, erste Hälfte.
3: Ebend. [Sprichw.] Vers 28.
4: Ebend. [Sprichw.] Vers 30.
5: Ebend. [Sprichw.] Vers 31. Tertullian citiert diese Verse mit Auslassung der zweiten Hälfte von Vers 28, sonst aber doch genau nach der LXX. Zugesetzt ist jedoch Vers 28 super ventos. Den Vers 29 der Vulgata hat er offenbar nicht in seinem Exemplare gelesen.
6: Aus Sprichw. 8, 22—25, mit Auslassungen und Umstellungen, sonst wörtlich nach der LXX.
7: Sensus et sophia, sine quo wird wohl die bessere Lesart sein. Vergl. de orat 1.
8: Ps. 45, 2 [Septuag. Ps. 44, 2]; [hebr.: Ps. 45, 2].
9: Joh. 1, 1; 10, 30, Tertullians Ansichten über die Sophia sind nicht zur Klarheit gediehen. Er lehrt subordinatianisch in betreff derselben.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger