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Tertullian († um 220)
Gegen die Valentinianer.
(Adversus Valentinianos)

1. Cap. Charakterisierung der Valentinianer im allgemeinen; ihre Methode und Kunst, Proselyten zu machen.

[S. 103] Die Valentinianer, unter den häretischen Genossenschaften jedenfalls die zahlreichste, weil sie sich zumeist aus Apostaten vom wahren Christentum zusammensetzt, es mit Fabeln leicht nimmt und ihre Sittenzucht niemanden abschreckt, kennen keine angelegentlichere Sorge, als den Gegenstand ihrer Predigt zu verheimlichen, wenn man das Geheimhalten eine Predigt nennen darf. Die Pflicht der Geheimhaltung ist eine Pflicht des Schuldbewusstseins. Wo man mit seiner Religion zurückhält,1 da ist der Gegenstand der Predigt beschämender Natur.

Auch das z. B., was in den bekannten Eleusinien, einer Art Häresie im Aberglauben der Athener, verschwiegen wird, ist schamloser Natur. Darum macht man auch den Eintritt in dieselben schwierig und hat langdauernde Einweihungsgebräuche, bevor2 das Siegel erteilt wird, indem die Einzuweihenden fünf Jahre lang unterrichtet werden, um ihnen durch Aufschieben der Belehrung eine hohe Meinung davon beizubringen und die Vorstellung von der Erhabenheit des Dargebotenen nach Verhältnis zu der vorher danach erweckten Begierde zu steigern. Dann folgt sofort die Verpflichtung zum Stillschweigen. Was man erst nach vielem Suchen gefunden hat, wird sorgfältiger gehütet. Im übrigen aber besteht die ganze Gottheit, die sie in ihren unzugänglichen Heiligtümern bewahren, in nichts weiter als dem enthüllten Bilde des männlichen Gliedes, darauf zielen alle Seufzer der Aufzunehmenden, dafür geschieht die ganze Versiegelung des Mundes. Allein das sinnbildliche Verfahren, welches sich eine mit Scheu zu behandelnde Natureinrichtung zum Aushängeschild nimmt, versteckt unter dem Mantel einer gezwungenen Symbolik nur ein Sakrilegium und wehrt den Vorwurf der Täuschung durch ein Götzenbild ab.

In ähnlicher Weise haben die Häretiker, welche wir jetzt aufs Korn nehmen, die Valentinianer, die heiligen Namen, Bezeichnungen und Gegenstände der wahren Religion zu Hilfe genommen, um ihre thörichten und schändlichen Faseleien mit einer leicht fasslichen Klarheit zu umgeben und — dank der Gelegenheit, die ihnen der Reichtum Gottes bietet, indem aus vielem vieles folgen muss — eine Art eleusinischer Buhlerei hergestellt, die heilig ist nur durch ihre tiefe Verschwiegenheit, himmlisch allein durch ihre Stille. Wenn einer im guten Glauben forscht, so sagen sie mit ernster Miene und in die Höhe gezogenen Augenbrauen: „Es ist etwas Hohes.“ Wenn ihnen einer mit scharfsinnigen Fragen kommt, so vertreten sie unter Zweideutigkeiten und Doppelzüngigkeiten nur die gemeinschaftliche Glaubenslehre. Wenn aber einer verrät, dass er etwas mehr weiss, so verleugnen sie ihre Ansichten. Wenn du ihnen scharf zu Leibe gehst, so machen sie deine Geradheit durch einen Selbstmord illusorisch.3 [S. 104] Sie vertrauen nicht einmal ihren eigenen Schülern, bevor sie sich derselben versichert haben. Sie verstehen die Kunst, die Leute zu bereden, ohne sie zu belehren. Die Wahrheit hingegen überredet durch Belehrung, aber sie belehrt nicht durch Überredung.

1: Nach der Conjectur: adservatur des F. Junius, nicht adseveratur.
2: Nach Öhler's Conjectur: antequam.
3: So erklärt Öhler diese dunkle Stelle.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger