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Tertullian († um 220) - Gegen die Valentinianer. (Adversus Valentinianos)

7. Cap. Bythos, Sige, Nus und Aletheia, die erste Tetras, mit Wort, Leben, Mensch und Kirche die erste Ogdoas von Äonen.

[S. 108] Zuerst von allen hat sich Ennius, der römische Dichter, des Ausdrucks: „die weiten gewaltigen Himmelssäle“ schlechthin bedient, wegen ihrer erhabenen Lage oder weil er im Homer gelesen hatte, dass Jupiter dort schmause. Aber höchst wunderbar ist, welche Erhabenheiten der Erhabenheiten und welche Höhen der Höhen die Häretiker zur Wohnstätte für jeden ihrer Götter aufgehängt, ausgespannt und ausgebreitet haben. Sogar für unsern Schöpfer sind die Himmelssäle des Ennius nach Art eines Wohnhauses eingerichtet, immer noch andere und weitere Stockwerke aufgebaut und für jeden Gott mit so viel Treppen versehen, als es Häresien gibt. So ist aus dem Weltenraume ein Miethaus geworden. Man könnte all diese weiss Gott wo befindlichen Stockwerke des Himmels für die Mietkaserne Felicula1 ansehen. Dort wohnt auch der Gott der Valentinianer ganz oben unter dem Dach.

Sie nennen ihn mit Rücksicht auf seine Substanz den „vollendeten Äon“, mit Rücksicht auf seine Person den Uranfang oder den Anfang, auch den „Bythos“ [Abgrund], was zu seiner so hochgelegenen Wohnung gar nicht recht passt. Sie stellen ihn als den ungeborenen, unendlichen, unermesslichen, unsichtbaren und ewigen hin, als ob sie gleich damit bewiesen, dass er es auch wirklich ist, wenn sie ihn für das ausgeben, was er, wie wir sehr gut wissen, alsdann sein müsste. So mag es auch mit der Behauptung stehen, er habe vor allen andern Dingen existiert. Allein ich muss fordern, dass er sei, und ich tadle hierbei nichts heftiger als dies, dass solche Wesen zuletzt von allen übrigen Dingen zum Vorschein kommen, sie, die vor dem ganzen Weltall existiert haben sollen, und zwar gehört letzteres nicht einmal ihnen. Mag sich daher meinetwegen jener Bythus die frühern unermesslichen Jahrhunderte hindurch in der erhabensten und tiefsten Ruhe, in der grössten Musse der ruhenden, sozusagen sinnenden und träumenden Gottheit befinden, wie Epikur sie haben will!

Obwohl er ganz allein sein soll, geben sie ihm doch eine zweite Person bei, die in ihm und mit ihm ist, die „Ennoia“, die sie ausserdem auch noch „Charis“ und „Sige“ nennen. Vielleicht treten sie während dieser beneidenswerten Ruhe einmal zu ihm und fordern ihn auf, dass er endlich den Anfang der Dinge aus sich hervorziehen solle. Er nimmt ihn nun und legt ihn, als wäre es sein Same, in die Geburtsorgane seiner Sige. Diese empfängt sofort, wird schwanger und gebiert, natürlich schweigend; denn sie ist ja die Sige. Der, den sie gebiert, ist der „Nus“, der dem Vater vollkommen ähnlich und in allem gleich ist. So ist er denn auch allein imstande, die unermessliche und unfassbare Grösse des Vaters [S. 109] zu begreifen. Daher trägt er ebenfalls die Namen Vater, Anfang aller Dinge und Eingeborener im eigentlichen Sinne, oder richtiger, nicht im eigentlichen Sinne; denn er wird ja nicht allein geboren, sondern mit ihm tritt auch noch ein weibliches Wesen ins Dasein, die sogenannte Aletheia, die Wahrheit. Eingeborener heisst er, weil er zuerst geboren wurde; viel passender wäre also für ihn der Name Erstgeborener.

Also der Bythos und die Sige, der Nus und die Wahrheit werden als das erste Viergespann der Valentinianischen Sportgesellschaft hingestellt, als Ausgang und Ursprung aller übrigen. Sobald der Nus seinerseits die Aufgabe, hervorzubringen, erhalten hat, entsendet er allsogleich aus sich das „Wort und das Leben“. Existierte letzteres früher nicht, so war es auch nicht im Bythos. Was aber ist das für ein Gott, in welchem kein Leben ist? Die letztgenannte Nachkommenschaft, als Anfang des Weltalls und zur Bildung des Pleroma in seiner Ganzheit entsendet, bringt alsbald auch ihre Frucht hervor und erzeugt „den Menschen und die Kirche“. Das ist die Ogdoas, die doppelte Tetras, die aus den ehelichen Verbindungen männlicher und weiblicher Wesen besteht, es sind sozusagen die Zellen der uranfänglichen Äonen. Die Geschwister-Ehen der Valentinianischen Gottheiten bilden bei den Häretikern die Anfänge alles Heiligen und Majestätischen und der ganzen Scharen, ich weiss nicht, soll ich sagen, von Verbrechern oder Gottheiten, jedenfalls aber die Quelle aller sonstigen Fruchtbarkeit.

1: Felicula, Deminutiv von felix, muss der Name oder Spottname eines sehr bevölkerten Miethauses im alten Rom gewesen sein.

 

 

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Gregor Emmenegger