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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

60. Cap. Wie es mit den einzelnen Gliedern des Leibes stehe, da deren Verrichtungen doch zum Teil aufhören werden.

Um eine weitere Schwierigkeit gegen den Leib, namentlich dessen Identität aufzuwerfen, siehe, nehmen unsre Gegner auch von den [S. 503] Verrichtungen der Glieder eine Ausflucht her und sagen, die Glieder müssten, weil noch eben derselben Körperlichkeit angehörig, auch in ihrer Thätigkeit und in ihren Wirkungen verharren, oder aber, da es feststehe, dass die Verrichtungen der Glieder aufhören werden, so räumen sie auch mit der Körperlichkeit auf. Man könne dann an den Fortbestand der letztern natürlich nicht mehr glauben, weil sie ohne Glieder sei; an das Dasein von Gliedern aber dürfe man deshalb nicht glauben, weil sie ohne Verrichtungen sein würden. Denn wozu, sagen sie, sollte uns die Mundhöhle noch dienen, wozu die Reihen von Zähnen, der hinabführende Schlund, der Magen, welcher der Sammelplatz ist, die Bauchhöhle mit ihren Vertiefungen und die langen verschlungenen Eingeweide, wenn kein Essen und Trinken mehr stattfindet? Zu welchem Zweck sollten diese Glieder aufnehmen, kauen, unterschlucken, zersetzen, verdauen und aussondern? Wozu die Hände und Füsse und all die Glieder, die zum Arbeiten dienen, wenn mit dem Unterhalt auch die Sorge um ihn aufhört? Wozu die Nieren, welche an der Samenbereitung teilnehmen, wozu die übrigen Zeugungsglieder beider Geschlechter, die zur Empfängnis dienenden Behältnisse, die Brüste mit ihren Quellen, da Begattung, Gebären und Erziehen ein Ende haben? Wozu endlich der Körper überhaupt, da er ganz und gar keinen Zweck mehr hat?

In Beziehung hierauf haben wir die Bemerkung vorausgeschickt, dass die Einrichtungen der Zukunft und die der Gegenwart nicht zusammengestellt werden dürfen; denn die Verwandlung wird dazwischentreten; und nun fügen wir noch die Bemerkung bei, diese Verrichtungen der Glieder für die Bedürfnisse dieses Lebens werden so lange bestehen, bis das Leben selbst aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit hinübergeführt wird, so wie der animalische Leib in den geistigen, indem dieses Sterbliche die Unsterblichkeit und dieses Verwesliche die Unverweslichkeit anzieht, und sie selbst, diese Glieder, werden, indem dann das Leben der Bedürfnisse enthoben ist, auch ihrer Verrichtungen enthoben sein. Aber darum werden sie doch nicht unnötig sein. Denn wenn sie gleich ihrer Verrichtungen enthoben sind, so werden sie doch zum Zwecke des Gerichtes beibehalten werden, damit „jeder empfange an seinem Leibe“, wie er es getrieben hat. Denn das Gericht Gottes verlangt einen vollständigen Menschen, vollständig aber kann der Mensch nicht sein ohne Glieder, aus deren Substanzen — nicht aus deren Verrichtungen — er zusammengesetzt ist. Man müsste denn vielleicht auch von einem Schiffe ohne Kiel, ohne Vorder- und Hinterteil, und ohne vollständiges, ganzes Gefüge behaupten wollen, es sei vollständig. Und doch haben wir mehr als einmal gesehen, wie ein vom Sturme zertrümmertes oder von Fäulnis zerfressenes Schiff, nachdem alle seine Glieder wieder ersetzt und ausgebessert waren, als dasselbe erschien und sich des Titels eines wiederhergestellten erfreute.

[S. 504] Sind wir hinsichtlich Gottes, seiner Geschicklichkeit dazu, seines Willens oder Rechtes in Besorgnis? Wenn nun aber der reiche und freigebige Herr des Schiffes, seinen Neigungen oder den Rücksichten auf seine Ehre folgend, dem Schiffe die blosse Wiederherstellung gewährt und will, dass es fürder nicht mehr arbeite, wollte man dann etwa behaupten, das frühere Gebälk sei darum nun nicht mehr notwendig, weil es von nun an keinen Zweck mehr habe und bloss zur Vervollständigung eines Schiffes ohne Thätigkeit dienen würde?

Es ist also weiter nichts nötig, als sich darüber zu unterrichten, ob Gott, indem er den Menschen zum Heil bestimmte, auch den Leib dazu bestimmt und gewollt habe, dass derselbe von neuem existiere; und wir haben nicht das Recht, auf Grund der künftigen Zwecklosigkeit der Glieder in betreff seiner die Einrede zu erheben, er könne nicht wieder werden. Denn es kann ja etwas von neuem existieren, was trotzdem keine Bestimmung hat, und es kann doch nicht einmal behauptet werden, dass es zwecklos sei, wenn es nicht existiert. Wenn es aber existiert, so wird es die Macht haben, auch zwecklos zu sein; denn bei Gott wird nichts zwecklos sein.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger