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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

57. Cap. Mangelhafte und verkrüppelte Leiber werden im Zustande der Unversehrtheit auferstehen. Sie werden ewig dauern und leidensunfähig sein.

Dies gibt Anlass zu einer verschmitzten Einrede des vulgären Unglaubens: Wenn eine und dieselbe Substanz, sagt man, wieder ins Sein gerufen wird, mit ihrer Gestalt, ihren Umrissen und Eigenschaften, dann wird sie folglich auch ihre übrigen Malzeichen haben. Man würde daher auch als Blinder, Lahmer, Gichtbrüchiger, oder wie gezeichnet jemand sonst aus dem Leben geschieden ist, wiederkommen. — Gut, was geschieht denn aber nun und dann, wenn man es verschmäht, in welchem Zustande auch immer, diese so grosse Gnade von Gott zu erlangen? Schreibt man denn nicht auch so, wenn man bloss eine Erhaltung der Seele zulässt, einem unvollständigen Menschen das Heil zu?

Was heisst an eine Auferstehung glauben anders, als an eine vollständige glauben? Wenn das Fleisch sogar aus der Auflösung wieder hergestellt werden wird, um wie viel mehr wird es von einer blossen Beschädigung befreit werden! Durch das Grössere wird das Geringere präskribiert. Ist nicht die Verstümmelung oder Schwächung eines Gliedes dessen Tod? Wenn der allgemeine Tod durch die Auferstehung rückgängig gemacht wird, was soll mit dem teilweisen Tode geschehen? Wenn wir zur Herrlichkeit umgestaltet werden, warum nicht noch mehr zur Vollständigkeit? Eine Verstümmelung des Körpers ist etwas zufälliges, Vollständigkeit dagegen sein eigentlicher Zustand. In diesem werden wir geboren. Selbst wenn wir schon im Mutterleibe beschädigt werden, so ist das Leidende schon ein Mensch. Die Gattung existiert vor dem Unfall. Wie Gott das Leben gibt, so wird er es auch wiedergeben. Wie wir es empfangen, so empfangen wir es auch zurück. Wir werden der Natur, nicht dem schadhaften Zustande zurückgegeben. Wir leben wieder auf, als das, als was wir geboren wurden, nicht als das, was wir durch eine Beschädigung erst geworden sind.

Sind die von Gott Auferweckten keine volle Menschen, so weckt er überhaupt keine Toten auf. Welcher Tote ist denn noch vollständig, auch wenn er in Vollständigkeit gestorben ist? Wer ist unversehrt und doch entseelt? Welcher Körper bleibt dann unverletzt, wenn er umgebracht, todesstarr, bleich, steif, kurz wenn er eine Leiche geworden ist? Wann ist der Mensch schwächer, als wenn er es ganz ist? Wann ist er mehr gichtgelähmt, als wenn er unbeweglich ist? So heisst also einen Toten auferwecken nichts anderes als ihn ganz machen, damit er nicht dem Teile nach, der nicht auferstanden ist, noch tot sei. Gott ist imstande, wiederzumachen, was er gemacht hat. Diese seine Macht und Freiheit hat er bereits hinlänglich verbürgt an Christus, oder vielmehr, er hat kund [S. 500] gethan, nicht bloss wer der Wiedererwecker des Fleisches, sondern auch, wer dessen völliger Wiederhersteller sei. Daher sagt der Apostel: „Die Toten werden unverwest auferstehen!“1 Wie das nun, wenn sie nicht völlig wiederhergestellt sind? sie, die früher verwest waren, sowohl infolge der Krankheit als des langen Liegens im Grabe. Wenn er vorher beides erwähnte, sowohl dass dieses Verwesliche die Unverweslichkeit anziehen müsse, als dieses Sterbliche die Unsterblichkeit, so hat er damit seinen Gedanken nicht etwa wiederholt, sondern auf einen Unterschied aufmerksam gemacht. Denn den Ausdruck „Unsterblichkeit“ hat er mit Rücksicht auf die Rückgängigmachung des Todes, „Unverweslichkeit“ mit Rücksicht auf die Aufhebung der Verwesung gewählt, indem er das eine der Auferstehung, das andere der Wiederherstellung zuschreibt. Mir ist aber, als hätte er auch den Thessalonichern die Wiederherstellung der gesamten Substanz in Aussicht gestellt.2

Und so wird denn in Zukunft auch kein Untergang der Körper mehr zu befürchten sein. Die entweder bewahrte oder wieder hergestellte Unversehrtheit wird nichts einbüssen können von dem Zeitpunkt an, wo ihr, was sie etwa verloren hat, wiedergegeben worden ist. Erhebt man die Einrede, wenn die Auferstehung eben desselbigen Fleisches gelehrt wird, so wird es auch wieder eben denselben Leiden unterliegen, dann tritt man verwegenerweise als Verteidiger der Natur gegen ihren Herrn auf und steift sich gottloserweise auf das Gesetz im Gegensatz zur Gnade, als wenn es Gott dem Herrn nicht freistände, die Natur zu ändern und zu erhalten ohne ein Gesetz. Zu welchem Zwecke heisst es denn: „Was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich bei Gott“,3 und: „Was thöricht ist vor der Welt, hat Gott erwählt, um die Weisheit dieser Welt zu beschämen“?4 Ich bitte dich, wenn du deinem Sklaven die Freiheit geschenkt hast, wird dann sein Fleisch und sein Gemüt, weil sie dieselben sind, die früher den Peitschenhieben, den Fesseln und der Brandmarkung ausgesetzt waren, darum auch noch in Zukunft dieselben Dinge zu erdulden haben? Ich glaube nicht. Im Gegenteil, er wird mit einem glänzend weissen Kleide, mit der Auszeichnung eines goldenen Ringes, mit dem Namen seines Patrons, seiner Tribus und seiner Tischgenossenschaft beehrt. Gewähre Gott doch auch die Macht, in Kraft jener geschilderten Umgestaltung die Qualität, nicht die Natur zu ändern, indem einerseits die Leiden beseitigt, anderseits Sicherheiten gegeben werden. So wird denn der Leib nach der Auferstehung zwar derselbe bleiben und insofern leidensfähig, als er er selbst und derselbe ist, aber doch leidensunfähig sein, insofern er eben zu diesem Zwecke von Gott freigelassen ist, um nicht mehr leiden zu können.

1: I. Kor. 15, 52.
2: I. Thess. 4, 13 ff.
3: Matth. 19, 26.
4: I. Kor. 1, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger