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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

53. Cap. Wenn Paulus sagt, gesäet werde ein animalischer Leib, so ist das der jetzige Christus, der letzte Adam, in Beziehung zur Auferstehung.

Einige geben listiger Weise die Seele für den animalischen Leib1 aus, um die in Rede stehende Wiederherstellung vom Fleische fern zu halten. Da es aber feststeht und sicher ist, dass der Körper aufersteht, der gesäet wurde, so würden sie damit zur Herbeischaffung der Sache selber aufgefordert sein, oder müssten zeigen, dass die Seele nach dem Tode ausgesäet, d. h. dass sie tot sei, zu Boden gestreckt, zerstört, aufgelöst, während doch kein derartiger Ratschluss Gottes gegen sie vorliegt. Sie mögen also darlegen, dass dieselbe der Vergängnis, Verunstaltung und Krankheit anheimgefallen sei, so dass sie des Wiederaufstehens zur Unverweslichkeit, Herrlichkeit und Kraft fähig werde. Bei Lazarus, dem vorzüglichsten Beispiel der Auferstehung, lag wohl der Leib krank [S. 494] da, war fast verwest bis zur Verunstaltung, roch schon übel von Verwesung, und doch stand Lazarus im Fleische auf, mit der Seele zwar, aber diese war unverwest geblieben, niemand hatte sie in leinene Binden eingeschnürt ins Grab gelegt oder gemerkt, dass sie stinke; niemand in den vier Tagen gesehen, dass sie gesäet werde. Das ganze Aussehen, die ganze Behandlung des Lazarus widerfährt noch heute dem Leibe eines jeden, aber nie einer Seele. Worauf also der Ausdruck des Apostels hinzielt und wovon derselbe offenbar redet, das ist der Leib, der animalisch ist zur Zeit, wenn er ausgesäet, geistig, wenn er wieder erweckt wird.

Damit wir einsehen, dass es so sei, bietet uns Paulus noch weiter die Hand und führt auf Grund derselben hl. Schrift aus, „der erste Mensch sei Adam geworden, zur lebendigen Seele“.2 Wenn Adam der erste Mensch, das Fleisch aber schon Mensch war noch vor Mitteilung der Seele, so ist ohne Zweifel das Fleisch zur lebendigen Seele geworden. Ist es nun zu einer Seele geworden, da es doch Körper war, so ist es in jedem Falle ein animalischer Körper geworden. Wie wollten sie es wohl benennen, als nach dem, was es durch die Seele geworden ist, was es vor Mitteilung der Seele nicht war, was es ohne die Seele nicht mehr sein wird, ausser wenn es aufersteht? Wenn er nämlich die Seele wieder erhalten hat, so wird er wieder zum animalischen Körper, um ein geistiger zu werden. Es kann ja nichts wiedererstehen, als was vorher da war. Aus derselben Rücksicht, aus welcher der Name „animalischer Leib“ dem Fleische zukommt, kommt er der Seele nicht zu. Denn das Fleisch war erst bloss Körper, dann animalischer Körper. Beseelt ist es nachher zum animalischen Körper geworden. Die Seele dagegen, obschon ein Körper, kann, weil sie kein beseelter Körper, sondern vielmehr ein beseelender ist, dennoch nicht ein animalischer Körper genannt werden und auch nicht selbst das werden, was sie bewirkt. Denn wenn sie das Accidens des andern ist, so macht sie es animalisch; wenn sie aber nicht Accidens des andern ist, wie wird sie sich selbst animalisch machen? Sowie das Fleisch, welches eine Seele annimmt, erst animalischer Körper war, so wird es nachher geistig, wenn es sich mit dem Geiste überkleidet.

Indem der Apostel diesen Hergang als den gewöhnlichen darlegt, unterscheidet er ihn mit Recht an Adam und an Christus, den beiden Ausgangspunkten der Unterscheidung selbst. Wenn er Christus den letzten Adam nennt, so erkenne daraus, dass er mit allen seinen Lehrkräften für die Auferstehung des Fleisches, nicht für die der Seele gewirkt hat. Wenn nämlich auch der erste Mensch, Adam, Fleisch war und nicht Seele, er, der denn doch „zur lebenden Seele“ geworden ist, und der letzte Adam, [S. 495] Christus, nur deshalb Adam ist, weil Mensch, und nur deshalb Mensch, weil er Fleisch, nicht weil er Seele war, und sodann hinzugefügt wird: „Nicht das Geistige ist das erste, sondern das Animalische“,3 so ist das Geistige später, wie die beiden Adame beweisen. Scheint es dir etwa, er habe an einem und demselben Fleische einen seelischen und einen geistigen Körper unterschieden? Welche Unterscheidung hat er an jedem der beiden Adame, d. h. an beiden Menschen vorbereitet? In bezug auf welche Substanz gleichen sich Christus und Adam unter einander? Ich denke doch in bezug auf das Fleisch, wenn auch hinsichtlich der Seele gleichfalls. Allein nur unter dem Titel von Fleisch sind beide Menschen; denn das Fleisch war zuerst Mensch. Nur in Rücksicht auf dieses konnte von einer Aufeinanderfolge bei ihnen die Rede sein und der eine für den ersten, der andere für den letzten Menschen oder Adam gehalten werden. Von einander verschiedene — wenigstens der Substanz nach verschiedene Dinge — können nicht in eine Aufeinanderfolge gebracht werden. In bezug auf Ort, Zeit und Beschaffenheit können sie es vielleicht. Hier in unserem Falle aber sind die Bezeichnungen „erster und letzter“ in Rücksicht auf die Substanz gebraucht, wie wiederum auch der erste Mensch von der Erde und der zweite vom Himmel stammt, weil er, obschon dem Geiste nach vom Himmel, doch dem Fleische nach Mensch ist.

Da also bei den beiden Adamen hinsichtlich des Leibes eine Aufeinanderfolge am Platze ist, hinsichtlich ihrer Seelen aber nicht, weil der erste Mensch zur lebenden Seele, der letzte aber zum lebendig machenden Geist geworden ist, so sind sie verschieden. Ihre Verschiedenheit hat in gleicher Weise auch für ihre Leiber einen Unterschied präjudiziert, so dass es dem Fleische gilt, wenn gesagt wird: „Nicht das Geistige ist das erste, sondern das Animalische; sodann das Geistige“, und somit ist also auch das oben gemeinte Fleisch dasselbe: „Was gesäet wird, ist ein animalischer Leib, und was aufersteht, ein geistiger Leib“, weil nicht das Geistige das erste ist, sondern das Animalische und der erste Adam zur Seele wurde, der zweite zum Geiste. Das Ganze gilt vom Menschen, das Ganze vom Fleische, weil vom Menschen. Was also werden wir sagen? Hat das Fleisch nicht jetzt auch den Geist aus dem Glauben, so dass man fragen muss, wie kann gesagt werden, dass ein animalischer Leib gesäet werde. Allerdings hat hienieden das Fleisch den Geist empfangen, aber nur als ein Handgeld, von der Seele dagegen nicht bloss das Handgeld, sondern die ganze Fülle. Daher ist es auch mit dem Namen der vorzüglicheren Substanz benannt worden, „seelischer Leib“, als welcher es gesäet wird, der dann in der Folge dazu auch ein geistiger sein soll, kraft der Fülle des Geistes, in [S. 496] welcher er auferweckt wird. Was ist auffallendes daran, wenn es seine Bezeichnung von demjenigen erhalten hat, wovon es ganz angefüllt, und nicht von dem, womit es bloss obenhin angefeuchtet ist?

1: I. Kor. 15, 44 heisst es: Seminatur corpus animale, Griechisch σῶμα ψυχικὸν [sōma psychikon], was aus Mangel eines passenderen Wortes gewöhnlich übersetzt wird: tierischer Leib.
2: I. Mos. 2, 7; vergl. mit 1. Kor. 15, 45.
3: I. Kor. 15, 46.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger