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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

46. Cap. Erörterung der Lehre des Apostels über das Leibliche und Sinnliche im allgemeinen.

[S. 480] So wird man das Verfahren des Apostels überall finden; er verurteilt nämlich die Werke des Fleisches in einer Weise, dass er das Fleisch selbst zu verurteilen scheint, sorgt jedoch durch Einflössung anderer damit zusammenhängender Ansichten dafür, dass man sich jener Vorstellung nicht hingebe. Wenn er z. B. sagt, „die, welche im Fleische sind, können Gott nicht gefallen“,1 so führt er sofort von der etwaigen falschen Auffassung zur richtigen zurück, indem er hinzusetzt: „Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste“. Denn dass sie sich im Fleische befanden, stand fest. Indem er nun doch wieder in Abrede stellt, dass sie sich im Fleische befänden, gibt er zu erkennen, dass sie sich mit den Werken des Fleisches nicht abgeben, und dass endlich jene Gott nicht gefallen können, welche fleischlich leben, nicht die, welche im Fleische leben, dass ihm die hingegen gefallen, welche im Fleische befindlich dem Geiste gemäss wandeln.

Und wiederum gebraucht er den Ausdruck, der „Leib sei tot“,2 — wegen der Vergehungen — der Geist sei das Leben — wegen der Gerechtigkeit. Wenn er dem Tode, der ja ohne Zweifel das Fleisch trifft, das Leben entgegensetzt, so verheisst er das Leben — infolge der Gerechtigkeit — auch da, wo er den Tod als Folge des Fehltritts verkündet hat. Er hätte vergebens das Leben dem Tode entgegengesetzt, wenn es sich nicht ebenda fände, wo sich dessen Gegensatz befindet, von dem der Körper natürlich zu befreien ist. Wenn nun aber das Leben den Tod vom Körper vertreibt, so kann es dies nicht, ohne das zu durchdringen, wo sich befindet, was vertrieben wird.

Doch warum soll meine Rede verwickelter sein, da die Ausdrucksweise des Apostels vollendeter ist? „Wenn der Geist dessen“, sagt er, „der Jesum auferweckt hat, in Euch wohnt, so wird der, welcher Jesum von den Toten auferweckt hat, auch Eure sterblichen Körper auferwecken, wegen des Euch innewohnenden Geistes.“3 Danach würde sogar jeder, der die Seele für einen sterblichen Körper hält, da er nicht umhin kann, dies auch vom Leibe zu behaupten, gezwungen sein, die Wiedererweckung des Leibes anzuerkennen, infolge des gleichartigen Zustandes. Auch aus folgendem mag man noch lernen, dass die Werke des Fleisches verdammt werden, nicht es selbst. „Brüder, so sind wir denn“, sagt er, „Schuldner nicht dem Fleische, um danach zu leben. Wenn Ihr nach dem Fleische lebet, so werdet Ihr sterben, wenn Ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches ertötet, so werdet Ihr leben.“4

Wenn nun aber, um auf alles einzelne zu antworten, denen, die sich zwar im Fleische befinden, aber nach dem Geiste leben, das Heil verheissen wird, so steht dem Heile nicht das Fleisch im Wege, sondern [S. 481] das Thun des Fleisches. Wenn aber die fleischliche Handlungsweise, diese Todesursache, beseitigt ist, so steht das Fleisch schon als gerettet da, weil frei von der Ursache des Todes. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu“, spricht er, „hat mich frei gemacht vom Gesetze der Übertretung und des Todes“,5 gewiss nur das Gesetz, welches, wie er oben gesagt hatte, „in unseren Herzen wohnt“.6 Folglich werden unsere Glieder nicht mehr unter dem Gesetze des Todes gehalten werden, weil nicht mehr unter dem der Übertretung, von welchen beiden sie freigemacht sind. „Denn Gott hat — wozu das Gesetz unvermögend war, weil kraftlos wegen des Fleisches — indem er seinen Sohn in der Ebenbildlichkeit mit dem Fleische der Übertretung und der Übertretung wegen gesandt hat, die Übertretung im Fleische verurteilt“,7 nicht umgekehrt, das Fleisch in der Uebertretung, denn ein Haus wird ja auch nicht mit seinem Bewohner verdammt werden. Er hat nämlich gesagt, „die Sünde wohne in unserem Körper“. Wenn die Übertretung aber verdammt und abgethan ist, so ist das Fleisch freigesprochen, so wie es, wenn sie noch nicht verdammt ist, dem Gesetze des Todes und der Übertretung verfallen ist. Darum hat er auch die fleischliche Gesinnung „Tod“, sodann auch „Feindschaft gegen Gott“8 genannt, aber niemals das Fleisch selbst.

Gut, wird man einwenden, wem wird also nun die fleischliche Gesinnung zugerechnet werden, wenn nicht eben der Substanz selbst? — Sie würde es allerdings, wenn man zu zeigen imstande wäre, das Fleisch habe aus sich eine Gesinnung. Wenn es aber ohne die Seele keine Gesinnung hat, so erkenne daraus, dass „die fleischliche Gesinnung“ auf die Seele zu beziehen und nur vorläufig auf das Fleisch übertragen sei, weil sie wegen und mittels des Fleisches sich auswirkt. Darum drückt er sich auch aus, die Übertretung „wohne im Fleische“, weil die Seele, von welcher die Übertretung ausgeht, eine Einwohnerin des Leibes ist, der zwar getötet ist, aber nicht seinetwegen, sondern wegen der Übertretung. Denn an einer andern Stelle sagt er: „Wie könnt Ihr, als lebtet Ihr noch in der Welt, die Satzung tragen?“9 So schrieb er nicht an Verstorbene, sondern an solche, welche aufhören sollten, nach den Gebräuchen der Welt zu leben.

1: Röm. 8, 8.
2: Ebenda. 8, 10.
3: Röm. 8, 11.
4: Röm. 8, 12. 13.
5: Röm. 8, 2.
6: Röm. 7, 23.
7: Röm. 8, 3.
8: Röm. 8, 6.
9: Kol. 2, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger