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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

45. Cap. Die Gegner missverstehen und missbrauchen die Stelle Eph. 4, 22, wo Paulus von einem alten und einem neuen Menschen spricht.

Mit einer Blindheit anderer Art klammern sie sich an den Ausdruck die beiden Menschen, „der alte und der neue“, an der Stelle, wo der Apostel uns ermahnt, „den alten Menschen, der vergeht durch die Begierlichkeit der Verführung, abzulegen, uns zu erneuern im Geiste des Verstandes und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gott geschaffen ist in der Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit“,1 und behaupten, dass er auch hier, nach den beiden Substanzen unterscheidend, das Alter für das Fleisch, die Neuheit für die Seele, für das alte also, d. h. für den Leib, ein beständiges Vergehen in Anspruch genommen habe.

Aber gut, wenn es nach Substanzen geht, so ist weder die Seele der neue Mensch, weil das Spätere, noch auch der Leib der alte, weil das Frühere. Denn wie klein ist der Zeitraum, der zwischen der Thätigkeit der Hände Gottes und dem Anhauchen liegt! Ich würde zu behaupten wagen, selbst wenn der Leib viel früher da war als die Seele,2 so hat Gott ihr dennoch dadurch, dass der Leib darauf angewiesen war, von der Seele erfüllt zu werden, die Priorität verliehen. Denn jede Vervollkommnung und Vollendung ist, wenn sie auch der Zeitfolge nach später kommt, der beabsichtigten Wirkung nach früher da. Früher ist das, ohne welches die wirklich früher existierenden Dinge nicht sein können. Ist das Fleisch der alte Mensch, zu welcher Zeit war es das denn? Von Anfang an? Aber der ganze Adam war neu, und bei Neuheit ist niemand alt. Auch nachher, seitdem der Segen über die Fortpflanzung ausgesprochen ist, entstehen Leib und Seele, ohne dass dabei eine Zeit in Rechnung käme, weil ihr Same im Mutterleibe zu gleicher Zeit gelegt wird, wie wir in der Abhandlung über die Seele gezeigt haben.3 Sie haben gleiche Zeiten hinsichtlich der Empfängnis und gleiches Alter in bezug auf die Geburt. Sie stellen4 auf diese Weise diese beiden Menschen, die [S. 479] allerdings zwiefacher Substanz aber nicht zwiefachen Alters sind, als einen einzigen dar, da keiner früher ist als der andere.5 Richtiger wäre es, dass wir mit unserer ganzen Persönlichkeit entweder alt oder neu sind, denn auf welche Weise wir das eine oder das andere sein sollen, ist unbegreiflich. Doch der Apostel gibt ganz deutlich zu erkennen, was der „alte Mensch“ ist. „Lege ab“, sagt er „den alten Menschen“ nach dem früheren Wandel,6 nicht den, der alt ist wegen des hohen Alters irgend eines Bestandteils. Er schreibt uns ja auch nicht vor, dass wir das Fleisch ablegen sollen, sondern die Werke, die er auch anderwärts als fleischliche kennzeichnet; nicht die Körper klagt er an, sondern er fügt vielmehr auch hier in betreff derselben bei: „Ablegend alle Lüge redet die Wahrheit, ein jeder zu seinem Nächsten, weil wir einer des andern Glieder sind! Zürnet, aber wollet nicht sündigen! Die Sonne gehe nicht unter über Eurem Zorn! Gebet dem Teufel keinen Raum! Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, er arbeite vielmehr und schaffe mit seinen Händen, damit er habe, um den Bedürftigen mitzuteilen! Keine irgendwie schändliche Rede gehe hervor aus Eurem Munde, sondern eine solche, wie sie am besten dient zur Erbauung im Glauben, so dass sie den Hörern Gnade verschaffe! Wollet den heiligen Geist nicht betrüben, in welchem Ihr besiegelt seid am Tage Eurer Erlösung! Seid einer gegen den andern gütig, mildthätig, einander vergebend, wie Euch Gott auch vergeben hat in Christo!“7

Warum beschleunigen also die Leute, die den Leib für „den alten Menschen“ ansehen, nicht ihren Tod, um den Vorschriften des Apostels durch Ablegung des alten Menschen nachzukommen? Wir, die wir glauben, dass der gesamte Glaube sich im Leibe auswirken müsse, wozu sowohl der Mund gehört, um immer nur die besten Reden hervorzubringen, als auch die Zunge, um nicht zu lästern, das Herz, damit es nicht zürne, sowie die Hände, damit sie arbeiten und austeilen — wir behaupten, dass sowohl das Alte im Menschen als auch das Neue sich auf den moralischen, nicht auf einen substanziellen Unterschied beziehe; daher erkennen wir ebensosehr an, dass derselbe Mensch, der seinem früheren Wandel nach ein alter gewesen ist, vergehe, indem er so genannt worden ist wegen der Begierlichkeit der Verführung, sowie er auch „alt“ ist wegen seines frühern Wandels, nicht wegen des Fleisches, und zwar in einem immer dauernden Untergang, wobei er im übrigen aber dem Fleische nach ebensowohl erhalten als auch dieselbe Person sein wird, nämlich seines fehlerhaften Wandels, nicht der Körperlichkeit nach entkleidet.

1: Eph. 4, 22 — 24.
2: Die Handschriften lesen: si multo prior anima caro. Öhler hat mit andern anima quam caro aufgenommen, wodurch die Sache förmlich auf den Kopf gestellt wird.
3: De anima c. 27.
4: Contemporant ist vielleicht besser als contemperant.
5: Als Subjekt bei edunt ist aus dem Vorhergehenden caro atque anima zu denken. Dies sei gegen Rigaltius und Öhler bemerkt.
6: Eph. 5, 22.
7: Eph. 4, 25 —32.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger