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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

26. Cap. Die Verheissungen, die in der hl. Schrift an die Erde gerichtet werden, sind Allegorien und unterstützen den Glauben an eine leibliche Auferstehung.

Eins will ich noch auf die frühere Proposition in betreff der allegorischen Schriftstellen zur Antwort geben: Wir dürfen, auch auf die figürlichen Aussprüche der Propheten gestützt, eine körperliche Auferstehung behaupten. Denn siehe, der Ausspruch Gottes nennt den Menschen im Anfang Erde: „Erde bist Du und zur Erde wirst Du hingehen“,1 versteht sich der Substanz des Fleisches nach, welches von der Erde genommen wurde und, wie wir gezeigt haben,2 zuerst die Benennung Mensch erhielt. Er gibt mir damit eine Anleitung, auch alles das, was der Herr an Zorn oder Gnade über die Erde ausspricht, auf das Fleisch zu beziehen. Denn die Erde, die weder etwas Böses noch etwas Gutes gethan hat, ist ja seinem Gericht auch nicht einmal im eigentlichen Sinne anheim gefallen. Sie, die Blut getrunken hat, wird zwar verflucht, aber auch dies nur im Bilde, in Rücksicht auf das Fleisch, welches den Mord begangen hat. Wenn die Erde Hilfe erfährt oder Schaden leidet, so geschieht auch das des Menschen wegen, damit er durch das Geschick seines Aufenthaltsortes Hilfe oder Schaden erfahre. Noch viel mehr wird er das, was die Erde seinetwegen leidet, zu tragen haben. Und so möchte ich, wenn Gott der Erde drohet, lieber sagen, er drohe dem Fleische, und wenn er der Erde etwas verheisst, lieber darunter verstehen, dass er dem Fleische etwas verheisst, so z. B. bei David: „Der Herr regiert, es frohlocke die Erde“,3 d. i. die Leiber der Heiligen, für welche der Genuss des Reiches Gottes bestimmt ist. Dann fährt er fort: „Die Erde sah es und erbebte, die Berge zerflossen wie Wachs vor seinem Angesichte“,4nämlich die Leiber der Gottlosen; und: „Sie werden sehen, wen sie durchbohrt haben“.5

Wenn beiderlei Aussprüche einfachhin von der Erde als blossem Element zu verstehen sind, wie reimt es sich dann, dass dieselbe vor dem Angesichte des Herrn, über dessen Regieren sie oben frohlockte, nun erbebt und zerfliesst? So wird man die Worte bei Isaias: „Ihr werdet das Gute der Erde essen“6 auf die Güter des Leibes beziehen können, welche demselben verbleiben, wenn er, im Reiche Gottes wieder hergestellt und engelhaft geworden, das erlangen wird, „was kein Auge gesehen, kein [S. 454] Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gekommen ist.7“ Sonst wäre es albern genug, wenn Gott zum Gehorsam einladen wollte, um der Feldfrüchte und Nahrungsmittel des jetzigen Lebens willen, welche er ja auch den Gottlosen und Lästerern zuteil werden lässt. Denn die Schöpfung ist dem Menschen einmal zu eigen gegeben, und Gott lässt regnen über Gute und Böse und seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte.8 Es wäre meiner Treu ein grosses Glück für die Gläubigen, zu erlangen, was die Feinde Gottes und Christi auch haben und nicht nur gebrauchen, sondern auch missbrauchen, indem sie die Schöpfung selbst anbeten anstatt des Schöpfers.9 Man wird dann wohl Zwiebeln und Erdschwämme für „die Güter der Erde“ ansehen, während der Herr doch sagt, dass der Mensch nicht vom Brote allein leben werde.10

Die Juden haben in dieser Weise ihre Hoffnung auf das Irdische allein gesetzt und verlieren darüber das Ewige, indem sie weder das vom Himmel versprochene Brot kennen, noch das Öl der göttlichen Salbung, den Wein des Geistes oder das Wasser der Seele, welche von dem Weinstocke Christi belebt wird. So halten sie ja sogar auch das Judenland im eigentlichen Sinne für das heilige Land selbst, da letzteres doch vielmehr auf den Leib des Herrn zu deuten ist, welcher von da an und an allen, die Christum angezogen haben, ein heiliges Land ist, wahrhaft heilig durch die Einwohnung des heiligen Geistes, wahrhaft von Milch und Honig fliessend vermöge der Lieblichkeit seiner Hoffnung, in Wahrheit ein Judenland vermöge der Freundschaft und Nähe Gottes. Denn nicht, wer es äusserlich ist, ist ein Israelit, sondern wer es im verborgenen ist. Darum ist das Fleisch auch der Tempel Gottes und jenes Jerusalem, an welches Isaias die Worte richtet: „Erhebe Dich, erhebe Dich, Jerusalem, bekleide Dich mit der Stärke Deines Armes; erhebe Dich wie zu Anbeginn des Tages“,11 d. h. in Unversehrtheit, wie sie war vor dem Vergehen und der Übertretung. Denn wie würden solche ermahnende und aufmunternde Zurufe für das Jerusalem passen, welches die Propheten getötet und die gesteinigt hat, die zu ihm gesandt sind, und schliesslich sogar ihn, seinen eigenen Herrn, durchbohrt hat?! Indessen es ist überhaupt nicht einmal die Erde, der das Heil versprochen wird; denn sie soll, mit der ganzen Gestalt der Welt untergehen. Auch wenn es jemand unternehmen sollte, das „heilige Land“ auf das Paradies zu deuten, worauf auch der Ausdruck „Land der Väter“, nämlich Land, des Adam und der Eva, passt, so wird es den Schein gewinnen, als würde dadurch dem Fleische die Wiedereinsetzung in das Paradies versprochen, welches so glücklich war, seine Wohnung darin zu bekommen, und der [S. 455] Mensch würde alsdann ebenso dorthin zurückversetzt, wie er daraus verstossen worden ist.

1: I. Mos. 3, 19.
2: Oben Cap. 5.
3: Psalm 97, 1.
4: Psalm 97, 4.
5: Zach, 12, 10.
6: Is. 1, 19.
7: I. Kor. 2, 9.
8: Matth. 5, 45.
9: Röm. 1, 25.
10: Matth. 4, 4.
11: Is. 51, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger