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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

22. Cap. Einige Häretiker wollen unter Auferstehung die Erlangung der richtigen Erkenntnis Gottes verstanden wissen. Das geht nicht, weil die Propheten und Christus dieselbe ans Ende der Welt verlegen.

iernach müssen wir unsere Blicke auf die Schriftstellen werfen, welche es als unzulässig erscheinen lassen, die Auferstehung entweder hier auf Erden in der Erkenntnis der Wahrheit bestehend zu denken, wie jene seelischen, um nicht zu sagen Geistesmänner,1 wollen, oder sie sofort auf den Ausgang aus dem Leben anzusetzen. Da der Zeitpunkt für unser gesamtes Hoffen in den hochheiligen Blättern festgesetzt ist und es nicht freisteht, ihn früher anzusetzen, als, denke ich, auf die Zeit der Ankunft Christi, so sind unsere sehnsuchtsvollen Wünsche auf den Ablauf dieser Zeitlichkeit gerichtet, auf den Untergang der Welt, den grossen Tag des Herrn, den Tag des Zornes und der Vergeltung, den jüngsten und verborgenen Tag, der keinem ausser dem Vater bekannt, und der doch durch Wunderzeichen, Erschütterung der Elemente und den Zusammenstoss der Nationen zum voraus gekennzeichnet ist. Ich würde, wenn Christus geschwiegen hätte — freilich sind auch die Prophezeiungen eine Stimme Christi — die Prophezeiungen aufschlagen, aber wichtiger ist, dass er sie mit seinem eigenen Munde besiegelt hat.

Von seinen Jüngern befragt, wann die Dinge eintreffen würden, welche er vorläufig über die Schicksale des Tempels hatte verlauten lassen, gibt er den Verlauf der Geschichtsperioden, erstlich den der jüdischen bis [S. 448] zur Zerstörung von Jerusalem, sodann den der gemeinsamen bis zum Schluss der Zeitlichkeit genau an. Nachdem er nämlich ausgesagt hat: „Dann wird Jerusalem von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“,2 nämlich die Zeiten, wo sich Gott ihrer annehmen und sie mit den Resten Israels vereinigen will, da wendet er sich an den ganzen Erdkreis und diese ganze Zeitlichkeit und verkündet, ähnlich wie Joël, Daniel und der Chor sämtlicher Propheten, die zukünftigen Zeichen an Sonne, Mond und Sternen, den Zusammenstoss der Nationen und ihr Entsetzen über das Getöse des Meeres sowie die Unruhe der von Furcht und Erwartung der Dinge, die den Erdkreis treffen sollen, schaudernden Menschen. 3 „Denn die Kräfte der Himmel“, sagt er, „werden erschüttert werden, und dann wird man den Sohn des Menschen auf den Wolken kommen sehen mit vieler Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dies zu geschehen beginnt, so werdet Ihr Eure Häupter aufrichten und erheben, denn Eure Erlösung kommt heran.“4 Und doch sagt er nur, sie komme heran, nicht, sie sei schon da, und „wann das anfange zu geschehen“, nicht, wenn es geschehen ist, weil dann, wenn es geschehen sein wird, die Erlösung wirklich da ist, bis dahin aber noch immer gesagt werden muss, sie sei nahe, indem er für jetzt die Gemüter aufrichtet und ermuntert zur nächsten Frucht, zur Hoffnung.

Hierfür wird auch ein Gleichnis beigefügt, das von den schwellenden Bäumen, deren Blütenstengeln und der Blüte, der dann folgenden Vorbotin der Frucht. „So sollt auch Ihr, wenn Ihr das alles geschehen sehet, wissen, dass das Reich Gottes nahe ist. Wachet also zu jeder Zeit, damit Ihr würdig erachtet werdet, allem dem zu entgehen, und vor dem Sohne Gottes bestehet“,5 nämlich dann, wenn zuvor alles durch die Auferstehung seine Vollendung gefunden hat. Wenn so also auch der Baum ausschlägt — in der Erkenntnis des Herrn, — so bekommt er doch zuvor erst Blüten und Früchte bei der Erscheinung desselben.

Wer ist es also, der den Herrn so unzeitiger, so bitterer Weise aufgefordert hat, bereits zur Rechten Gottes, die Erde zu zerschlagen nach dem Ausdruck des Isaias,6 die doch, sollte ich denken, noch unversehrt ist? Wo ist der, der nach Davids Worten die Feinde Christi ihm schon zu Füssen gelegt hat7 — schneller als Gott der Vater — während noch jede Volksversammlung durch Geschrei fordert, dass die Christen den Löwen vorgeworfen werden? Wer hat gesehen, dass Jesus ebenso vom Himmel herabgestiegen ist, in Gemässheit mit der von den Engeln gegebenen Bestimmung, wie die Apostel ihn hatten hinaufsteigen sehen? Noch haben die Juden nicht Stamm für Stamm an die Brust geschlagen, [S. 449] sehend auf den, den sie durchbohrt haben,8 niemand hat bis jetzt den Elias aufgenommen,9 niemand ist noch vor dem Antichrist entflohen,10 niemand hat noch den Untergang Babylons beweint.11 Und doch gibt es Leute, die schon auferstanden sind! Es sind aber nur Häretiker. Fürwahr, sie haben das Grab ihres Körpers verlassen, obwohl sie noch Fiebern und Geschwüren ausgesetzt sind! Sie haben die Feinde schon niedergetreten, obwohl sie noch mit den Mächtigen der Erde zu kämpfen haben! Jedenfalls herrschen sie auch schon, obwohl sie noch immer dem Kaiser geben müssen, was des Kaisers ist.

1: Spöttische Bezeichnung der Häretiker, besonders der Valentinianer, weil sie die Menschen in Psychiker, Hyliker und Pneumatiker einteilten und unter den letzteren sich selbst verstanden.
2: Luk. 21, 24.
3: Joël 3, 3 ff.; Dan. 7, 13 ff.
4: Luk. 21, 27. 28.
5: Matth. 24, 32 ff. 42; Luk. 31, 29 ff. 36.
6: Is. 2, 19.
7: Ps. 109, 1.
8: Zach. 12, 10 u. Joh. 19, 37.
9: Mal. 4, 5.
10: I. Joh. 4, 3.
11: Apok. 12, 6; 18, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger