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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

16. Cap. Um dieser Konsequenz zu entgehen, machen die Häretiker geltend, der Leib sei nur ein bewusstloses und willenloses Werkzeug der Seele.

Wenn wir der Seele das Amt der Leitung, dem Leibe das des Gehorchens zuteilen, so müssen wir uns vorsehen, dass sie nicht diese Wahrheit durch eine gegenteilige Argumentation umstossen und den Leib in den Dienst der Seele bringen, aber nicht in der Weise eines Dieners, um nicht gezwungen zu werden, ihn infolge davon als deren Gefährten anzuerkennen. Sie werden nämlich sagen, Diener und Genossen haben die Selbstbestimmung in betreff ihres Dienens und ihres Genosseseins, sowie die Gewalt über ihren Willen in beiden Beziehungen, da sie Menschen sind. Deshalb teilen sie sich auch mit den eigentlichen Anstiftern, denen sie ihre Mitwirkung freiwillig zur Verfügung stellen, in das Verdienst. Der Leib hingegen, der aus eigener Kraft nichts denkt und nichts fühlt, der auch das Wollen oder Nichtwollen nicht besitzt, erscheint vielmehr wie ein Gefäss der Seele, wie ein Instrument, nicht wie ein Diener. Daher sitzt der Richter bloss für die Seele, wie sie sich des Leibes als Gefäss bedient habe, auf seinem Richterstuhl; das Gefäss selber aber wird nicht Gegenstand des Richterspruches, so wenig wie der Becher verurteilt wird, wenn er zur Giftmischerei gedient hat, noch das Schwert zu den wilden Tieren verdammt wird, mit welchem jemand einen Raubmord damit vollbracht hat.

Gut, dann ist also der Leib auch schuldlos insofern, dass ihm die bösen Thaten nicht zugerechnet werden können, und nichts mehr verbietet, ihm wegen seiner Schuldlosigkeit die Wiederherstellung zuzubilligen. Denn obschon ihm dann weder die guten noch die bösen Thaten angerechnet [S. 440] werden, so steht es doch der göttlichen Güte besser an, das Schuldlose zu befreien. Wer wohlthätig ist, der muss das. Beweis der höchsten Güte aber ist es, auch das, was man nicht muss, zu geben. Und doch, was den Becher angeht — ich meine nicht einen Giftbecher, in welchen ein Sterbender sich hinein erbrochen hat, — sondern den Becher, der durch den Atem der Reiberin, des Archigallus, eines Gladiators oder Henkers, verpestet wurde, so frage ich, ob du ihn dir nicht ebenso verbitten würdest, als Küsse von solchen Leuten? Auch wenn er durch Unreinigkeiten, die von uns selbst herrühren, befleckt ist oder sonst unserem Geschmacke nicht zusagt, so pflegen wir ihn zu zerbrechen, je mehr wir dem Diener zürnen.1 Ein Schwert aber, das von Mordthaten trunken ist, wer wird es nicht aus seinem Hause und vollends aus seinem Schlafgemach oder gar von seinem Kopfkissen weit entfernen, im Glauben, er werde sonst von nichts als Spukerscheinungen solcher Seelen träumen, die den Bettgenossen ihres Blutes beängstigen und beunruhigen? Dagegen wird der Becher, der von nichts Bösem weiss und sich durch treuen Dienst empfohlen hat, auch wohl von den Kränzen dessen, der aus ihm trinkt, mitgeschmückt oder durch Anheften von Blumen geehrt. Das Schwert aber, das in einem verdienstvollen Kampfe von Blut gerötet worden und besser als das Schwert des Mörders ist, wird als Weihegeschenk den Lohn für sein Verdienst erhalten.2

Es kommt also wirklich vor, dass auch gegen Gefässe und Werkzeuge ein Urteilsspruch ergeht, so dass auch sie am Lose ihrer Herren und Eigentümer teilnehmen. Damit dürfte ich auch den Beweis geführt haben, wenngleich die Verschiedenheit der Dinge einer Analogie entbehrt. Denn jedes Gefäss und Werkzeug wird von anderswoher genommen, und sein Stoff befindet sich durchaus ausserhalb der menschlichen Wesenheit. Der Leib aber, im Mutterleibe keimend und sich bildend, mit der Seele mitgeschaffen von Anfang an, bleibt bei jeder Handlung ihr innig zugesellt. Denn wenngleich er vom Apostel ein Gefäss genannt wird,3 welches man in Ehren halten soll, so wird er gleichwohl von ihm als der äussere Mensch bezeichnet. Er ist der erste Lehm, welcher bezeichnet wurde mit der Aufschrift Mensch, nicht der Lehm, woraus der Becher, das Schwert oder Gefäss besteht. Denn die Benennung Gefäss hat er nur wegen seiner Aufnahmefähigkeit erhalten, vermöge deren er die Seele aufnimmt und enthält, Mensch aber heisst er in Rücksicht auf seine Teilnahme an der Natur, welche ihn bei den einzelnen Thätigkeiten nicht als Werkzeug hinstellt, sondern als ein dienendes Wesen. So wird denn das dienende Wesen, obschon es aus sich nichts denkt, auch vor Gericht [S. 441] gestellt werden, weil es ein Teil dessen ist, was denkt, und nicht sein blosses Hausgerät. Darum hält auch der Apostel, obwohl er sehr gut weiss, dass das Fleisch durch sich selbst nichts thut, was nicht der Seele anzurechnen wäre, es dennoch für ein sündiges,4 damit man nicht glaube, es bleibe deswegen vom Gericht frei, weil es seine Antriebe von der Seele zu erhalten scheint. So sagt er auch da, wo er einige löbliche Werke des Fleisches anzeigt: „Verherrlichet und traget Gott in Eurem Fleische“,5 obwohl er gewiss ist, dass auch diese Antriebe durch die Seele geschehen. Er schreibt sie dem Fleische deswegen zu, weil er ihm auch Lohn in Aussicht stellt. Andernfalls hätte eine Anschuldigung gegen ein Wesen, welches der Schuld gänzlich fern steht, keinen Sinn, ebensowenig als eine Aufmunterung bei einem Wesen, das mit der Verherrlichung nichts zu schaffen hat. Sowohl Anklage als Aufmunterung wären dem Fleische gegenüber gegenstandslos, wenn es einen Lohn, wie er in der Auferstehung erlangt wird, nicht gäbe.

1: Der ihn darreicht.
2: Im Tempel als Weihegeschenk aufgehängt.
3: I. Thess. 4, 4.
4: Röm. 8, 3.
5: I. Kor. 6, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger