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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

15. Cap. Alle Handlungen des Menschen, die guten und die bösen, gehören dem Leibe und der Seele gemeinschaftlich an. Folglich muss auch die Belohnung und die Strafe beiden miteinander zuteil werden.

Gut denn, mögen nun unsere Gegner den Zusammenhang des Leibes mit dem Geiste schon zum voraus in Hinsicht auf die Lebensthätigkeiten spalten, um das Wagnis unternehmen zu können, ihn auch bei der Belohnung für die Lebensthätigkeiten zu spalten! Mögen sie die Gemeinsamkeit des Wirkens leugnen, um auch die der Belohnung leugnen zu können! Das Fleisch habe keinen Anteil am Gerichte, wenn es an der Veranlassung dazu nicht beteiligt gewesen ist! Mag die Seele allein zurückgerufen werden, wenn sie allein dahinscheidet!

Aber sie scheidet ebensowenig für sich allein dahin, als sie dasjenige für sich allein durchlaufen hat, woraus sie scheidet, ich meine das gegenwärtige Leben. Die Seele verbringt so wenig das Leben für sich allein, dass wir nicht einmal die blossen Gedanken, welche nicht zur Verwirklichung durch den Leib gelangen, von der Gemeinschaft mit dem Leibe trennen. Denn, was die Seele im Herzen thut, das thut sie im Fleische, mit dem Fleische und durch das Fleisch. So macht denn der Herr auch gerade diesen Teil des Leibes, das Bollwerk der Seele, beim Tadel der Gedanken verantwortlich. „Warum denkt Ihr Böses in Euren Herzen?“1 und: „Wer ein Weib ansieht, um sie zu begehren, der hat im Herzen die Ehe gebrochen.“2 Also ist der Gedanke auch ohne That und ohne Verwirklichung eine Handlung des Leibes. Aber auch wenn im Gehirn oder in der Mitte des Raumes, der die Augenbrauen trennt, oder wohin sonst die Philosophen den Hauptpunkt für die Wahrnehmungen, das, was man das Hegemonikon nennt, verlegen, jedenfalls wird der Sitz des Denkens der Seele3 aus Fleisch bestehen. So lange die Seele sich im Körper befindet, ist sie niemals ohne den Körper. Sie thut nichts ohne den, ohne welchen sie nicht ist. Nun untersuche noch lange, ob die Gedanken auch durch den Leib vor sich gehen, sie, die mit Hilfe des Leibes äusserlich erkannt werden! Beschäftigt sich die Seele mit [S. 439] irgend etwas, so gibt das Gesicht davon ein Zeichen; das Antlitz ist der Spiegel für alle Absichten. Mögen sie denn dem Bestandteile, welchem sie die Teilnahme an dem Gedanken nicht abszuprechen imstande sind, den Anteil an den Thaten absprechen!

Und da zählen diese Leute noch die Mängel und Fehltritte des Leibes auf — gut, dann wird also der Delinquent seine Strafe bekommen. Wir aber halten ihnen auch die guten Seiten des Leibes entgegen; es wird also auch das brav Handelnde seine Belohnung bekommen. Wenn es auch die Seele ist, die eigentlich wirkt und zu allem antreibt, so ist doch der Leib der gehorchende Teil. Es ist unstatthaft, Gott für einen ungerechten oder fahrlässigen Richter zu halten. Er wäre aber ungerecht, wenn er den Teilnehmer an den guten Werken von den Belohnungen ausschlösse, und fahrlässig, wenn er den Teilnehmer am Bösen straffrei liesse, während jeder menschliche Urteilsspruch für um so vollkommener angesehen wird, je mehr er auch die untergeordneten Teilnehmer an einer Handlung heranzieht, ohne sie zu schonen oder sie zu verkürzen, so dass sie also mit den eigentlichen Urhebern sowohl die Strafe als die Belohnung teilen.

1: Matth. 9, 4.
2: Matth. 5, 28.
3: Cogitatorium als Übersetzung des griechischen φροντιστήριον [phrontistērion].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger