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Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

2. Cap. Es gibt auch innerhalb des Christentums Sekten, welche die Auferstehung verwerfen. Zusammenhang dieses Irrtums mit den von Tertullian in früheren Schriften bekämpften Irrlehren.

[S. 422] Wenn sich aber auch unter den Bekennern Gottes eine Gesellschaft findet, die den Epikuräern näher verwandt ist als den Propheten, so wissen wir ja, was sie, die Sadduzäer, von Christus zu hören bekamen. Christus nämlich war es vorbehalten, alles ehedem Verborgene aufzudecken, dem Ungewissen die Richtung zu geben, das Unvollständige zu ergänzen, das Vorhergesagte gegenwärtig zu machen, gewiss aber die Auferstehung der Toten nicht bloss durch sich, sondern auch an sich zu bestätigen. Jetzt rüsten wir uns gegen eine andere Art Sadduzäer, die, welche die Ansicht derselben teilen. Sie erkennen so die Auferstehung nur zur Hälfte an, nämlich bloss die der Seele, den Körper verachten sie, sowie auch den Herrn des Körpers. Die Häretiker missgönnen nämlich keiner andern körperlichen Substanz ihr Wohlergehen, als der, welche der andern Gottheit 1 angehört. Daher waren sie auch bei Christus gezwungen, damit er nur nicht dem Weltschöpfer angehöre, ihm eine andere Beschaffenheit zu geben, und haben so zuerst hinsichtlich seiner menschlichen Natur selbst geirrt, indem sie entweder mit Marcion und Basilides vorgaben, dieselbe habe gar keine Realität, oder, wie die Häresie de Valentinus und Apelles will, sie sei von einer ganz besondern Beschaffenheit. Und so ist denn die Folge, dass sie von der Erhaltung derjenigen Substanz, woran sie Christo keinen Anteil geben, nichts wissen wollen, überzeugt davon, dass es für deren Auferstehung ein äusserst günstiges Vorurtheil erwecken würde, wenn in Christus das Fleisch bereits auferstanden wäre.

Aus diesem Grunde haben wir auch das Buch über den Leib Christi vorausgehen lassen, worin wir dessen Materialität gegen das Hirngespinst eines Scheingebildes beweisen und gegenüber der vorgeblichen ganz besondern Qualität desselben seinen menschlichen Charakter aufrecht erhalten, so dass Christus den Namen Mensch und Menschensohn zu führen berechtigt ist. Denn indem wir den Beweis liefern, dass er ein fleischliches und körperliches Wesen war, überführen wir die Gegner zugleich durch Präskription davon, dass dann auch neben dem Weltschöpfer kein Gott weiter geglaubt werden dürfe, indem wir an Christo, in welchem Gott erkannt wird, eine solche Beschaffenheit nachweisen, wie sie der Weltschöpfer verheissen hat. 2 Dadurch überführt, dass Gott der Schöpfer des Fleisches, und Christus der Erlöser des Fleisches sei, werden sie nunmehr auch der Auferstehung des Fleisches überwiesen werden. Natürlich ganz folgerecht!

Das ist denn auch ungefähr die Methode, wonach wir die Disputationen mit den Häretikern anstellen. Denn die logische Ordnung verlangt, dass immer aus den Grundsätzen die Folgerungen abgeleitet werden, so dass zuerst das feststehe, was dem fraglichen Gegenstande als Fundament dienen [S. 423] soll. Daher verhandeln die Häretiker, ihrer Schwäche sich wohl bewusst, niemals nach dieser ordnungsgemässen Methode.

In der sichern Erwartung der grossen Mühe, die sie mit dem Erweise einer andern Gottheit gegenüber dem Gott der Welt haben, der durch die Zeugnisse seiner Werke von Natur aus allen bekannt, in seinen Geheimnissen der Frühere und in seinen Verkündigungen der Erkennbarere ist, machen sie unter dem Vorwande, es gebe eine dringendere Angelegenheit, nämlich das Heil des Menschen, welches vor allem andern zu suchen sei, mit den Fragen in betreff der Auferstehung den Anfang.

Denn an die Auferstehung des Fleisches glaubt es sich schwerer als an einen Gott. Daher bearbeiten sie das Erkenntnisvermögen, berauben es der Kraft der ihm entsprechenden richtigen Methode, beschweren es dafür mit Besorgnissen, die auf Herabsetzung des Leibes gerichtet sind, und machen es empfänglich — eben durch Beraubung der Hoffnung und Vertauschung des Gegenstandes derselben. Jeder nämlich, der von der Höhe seiner Hoffnung, deren er sich beim Schöpfer sicher glaubte, herabgestossen oder doch darin wankend gemacht ist, neigt leicht dem Gedanken an den Gewährsmann einer andern Hoffnung zu und kommt von selbst darauf. Durch eine Verschiedenheit der Verheissungen wird die Verschiedenheit der Götter insinuiert. Auf diese Weise sehen wir viele Leute ins Garn gehen und sie werden eher um den Glauben an die Auferstehung gebracht, bevor sie andere um den Glauben an die Einheit Gottes bringen.

Was die Häretiker anlangt, so haben wir schon gezeigt, mit welcher Waffe man ihnen entgegenwirken müsse. Und es ist ihnen bereits, jedem unter seinem besonderen Titel, entgegengewirkt, bezüglich der Einzigkeit Gottes3 und seines Christus4 gegen Marcion, bezüglich der menschlichen Natur des Herrn gegen die vier Häresien;5 letzteres besonders, um für die gegenwärtige Frage den Weg zu bahnen. Daher ist nun über die Auferstehung des Fleisches bloss noch in der Rücksicht zu handeln, als ungewiss in Hinsicht unser, das heisst in Hinsicht des Weltschöpfers.

Denn es gibt auch viele Unwissende, sehr viele, die in ihrem Glauben schwanken, und noch mehr Einfältige, welche man wird unterrichten, leiten und befestigen müssen. Auch nach dieser Seite hin wird die Einheit der Gottheit ihre Verteidigung finden. Wie dieselbe nämlich durch Leugnung der Auferstehung des Fleisches gefährdet wird, so wird sie umgekehrt durch deren Aufrechthaltung sichergestellt.

Die Fortdauer der Seele aber unterliegt, glaube ich, keinen Bedenklichkeiten. Denn fast alle Häretiker lassen sie in irgend einer Weise gelten [S. 424] oder leugnen sie doch nicht. Wenn dann einzig und allein ein gewisser Lukanus mit der genannten Substanz nicht einmal Schonung übt, sondern sie in aristotelischer Weise auflöst und dafür etwas anderes an ihre Stelle setzt, indem er als ein gewisses Drittes auferstehen will, nicht als Seele und auch nicht als Leib, das heisst dann wohl als ein Nichtmensch, vielleicht, weil er aus Lukanien ist, als ein Bär6 — so ist das seine Sache. Auch er findet aus unserer Feder ein sehr umfangreiches Werk über die Seele in allen ihren Beziehungen. Wir halten darin vor allem deren Unsterblichkeit aufrecht, erkennen bloss dem Fleische die Vergänglichkeit zu und behaupten ganz besonders dessen Wiederherstellung. Was wir sonst etwa anderwärts, wie es die Sachen mit sich brachten, vorweggenommen und hie und da zerstreut angebracht haben, das ist dort in ein dem Gegenstand entsprechendes regelrechtes Ganzes gebracht. Denn, wie es üblich ist, manchmal etwas vorwegzunehmen, so muss man auch manchmal etwas versparen, wenn dann nur das Vorwegbesprochene seine Vervollständigung als Ganzes findet und das an verschiedenen Orten Aufgesparte unter seiner Rubrik wieder erscheint.

1: Dem Demiurgen.
2: Im alten Bunde, als dessen Gott jene Gnostiker den Demiurgen betrachteten.
3: Buch I und II adv. Marc.
4: Buch III und IV adv. Marc.
5: Die Schrift de carne Christi berücksichtigt bekanntlich die vier Häretiker Marcion, Apelles, Valentinus und Alexander.
6: Anspielung auf den Namen dieses Häretikers. In Lukanien gab es Bären.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger