Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
124. Vortrag

5.

Ich will mich also in der offenbaren Barmherzigkeit desjenigen, dessen Gerechtigkeit verborgen ist, daran machen, über die Lösung einer so schwierigen Frage nach den Kräften, die er mir gibt, zu reden; denn bis jetzt ist sie vorgelegt, nicht ausgelegt. Der Ausgangspunkt ihrer Auslegung sei dies, daß wir uns erinnern, daß wir in diesem vergänglichen Körper, der die Seele beschwert1, ein elendes Leben führen. Aber wir, die wir durch den Mittler bereits erlöst sind und den Heiligen Geist als Pfand empfangen haben, haben das selige Leben in der Hoffnung, wenn wir es auch noch nicht in der Wirklichkeit besitzen. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, wie hofft er das? Wenn wir aber, was wir nicht sehen, hoffen, so erwarten wir es in Geduld2. In den Übeln aber, die einer erduldet, nicht in den Gütern, die er genießt, ist Geduld notwendig. Dieses Leben also, von dem geschrieben steht: „Ist nicht eine Versuchung das menschliche Leben auf Erden?“3 (dieses Leben), in [S. 1173] dem wir täglich zum Herrn rufen: „Erlöse uns von dem Übel“4, sieht sich der Mensch genötigt zu ertragen auch nach Vergebung der Sünden, obwohl, daß er in dieses Elend kam, anfänglich die Sünde die Ursache war. Denn die Strafe dauert länger als die Schuld damit nicht die Schuld für geringer angesehen würde, wenn mit ihr auch die Strafe ein Ende hätte.Und darum wird der Mensch, sei es zum Erweis des verschuldeten Elends oder zur Besserung des hinfälligen Lebens oder zur Übung der notwendigen Geduld, eine Zeitlang durch die Strafe hingehalten, auch wenn ihn, der der ewigen Verdammung verfallen war, nicht mehr die Schuld niederhält. Das ist der zwar beklagenswerte, aber nicht zu tadelnde Zustand dieser Tage, die wir in dieser Sterblichkeit als böse verleben, obwohl wir in ihr gute zu sehen lieben. Sie kommt nämlich von dem gerechten Zorne Gottes, von dem die Schrift redet und sagt: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll des Zornes“5, obwohl der Zorn Gottes nicht ist wie der des Menschen, d. i. eine Leidenschaft des aufgeregten Gemütes, sondern die ruhige Festsetzung einer gerechten Strafe. In diesem seinem Zorne, wie geschrieben steht, nicht verschließend seine Erbarmungen6, hat Gott, außer den übrigen Tröstungen für die Elenden, die er dem Menschengeschlechte unaufhörlich verleiht, in der Fülle der Zeit, die er zur Ausführung am geeignetsten hielt, seinen eingeborenen Sohn gesandt7, durch den er alles geschaffen hat, damit er, Gott bleibend, Mensch wurde, und Mittler zwischen Gott und den Menschen wäre der Mensch Christus Jesus8. An ihn glaubend sollten sie durch das Bad der Wiedergeburt nach Tilgung der Schuld aller Sünden, nämlich sowohl der Erbsünde, welche durch die Geburt zugezogen wird, gegen welche ganz besonders die Wiedergeburt bestimmt ist, als auch der übrigen, welche durch ein schlechtes [S. 1174] Leben begangen worden sind, von der ewigen Verdammnis befreit werden und leben im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe als Pilger in dieser Welt und in ihren mühseligen und gefährlichen Versuchungen, aber auch in Gottes leiblichen und geistigen Tröstungen wandeln zu seiner Anschauung, den Weg einschlagend, der für sie Christus geworden ist. Und weil sie, auch wenn sie in ihm wandeln, nicht ohne Sünden sind, welche wegen der Schwäche dieses Lebens sich einschleichen, gab er die heilsamen Mittel der Barmherzigkeit, durch die ihr Gebet unterstützt werden sollte, wo er sie sagen lehrte: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“9.

Das tut die Kirche in diesem mühevollen Leben, selig in der Hoffnung. Diese Kirche repräsentierte der Apostel Petrus, wegen des Primates seines Apostolates, in sinnbildlicher Allgemeinheit. Denn was ihn selbst persönlich betrifft, so war er von Natur ein Mensch, durch die Gnade ein Christ, durch eine reichlichere Gnade ein Apostel und zwar der erste, aber als zu ihm gesagt wurde: „Dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben, und was du immer auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein, und was du immer auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein“, stellte er die gesamte Kirche dar10, welche in dieser Welt durch Versuchungen wie durch Regengüsse, Fluten und Stürme erschüttert wird, aber nicht fällt, weil sie auf die Petra (Fels) gegründet ist, wovon Petrus den Namen erhalten hat. Denn nicht von Petrus hat die Petra, sondern Petrus von der Petra, wie Christus nicht von Christ, sondern Christ von Christus den Namen. Darum nämlich sprach der Herr: „Auf diese Petra (Fels) werde ich meine Kirche bauen“, weil Petrus gesagt hatte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“11. Auf diese Petra also, welche du bekannt hast, sagt er, werde ich meine Kirche bauen12. [S. 1175] „Der Fels nämlich war Christus“13. Auf diesem Fundament ist auch Petrus selbst erbaut. Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist, welches ist Christus Jesus14. Die Kirche also, die auf Christus gegründet ist, hat von ihm in Petrus die Schlüssel des Himmelreiches empfangen, d. h. die Gewalt, die Sünden zu binden und zu lösen. Denn was im eigentlichen Sinne die Kirche in Christus ist, das ist sinnbildlich Petrus in der Petra; in dieser sinnbildlichen Bedeutung ist unter der Petra Christus und unter Petrus die Kirche zu verstehen. Solange nun diese Kirche, welche Petrus sinnbildete, unter Übeln lebt, wird sie durch Liebe und Nachfolge Christi von den Übeln befreit. Mehr aber folgt sie ihm nach in denen, welche für die Wahrheit kämpfen bis zum Tode. Aber zur Gesamtheit wird gesagt: „Folge mir nach“, und für diese Gesamtheit hat Christus gelitten, von dem derselbe Petrus sagt: „Christus hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, damit wir seinen Fußtapfen folgen“15. Siehe, darum wird zu ihm gesagt: „Folge mir nach“.

Es gibt aber ein anderes, unsterbliches Leben, das nicht in Übeln dahingeht; dort werden wir von Angesicht zu Angesicht sehen, was hier durch einen Spiegel und im Rätsel gesehen wird16, wenn man in der Betrachtung der Wahrheit tüchtig fortschreitet. Ein doppeltes, ihr von Gott her verkündetes und empfohlenes Leben kennt also die Kirche, wovon das eine im Glauben ist, das andere im Schauen; das eine in der Zeit der [S. 1176] Pilgerschaft, das andere in der Ewigkeit der Wohnung; das eine in Arbeit, das andere in Ruhe; das eine auf dem Wege, das andere im Vaterland; das eine im Schauplatz der Tätigkeit, das andere im Lohne der Betrachtung; das eine wendet sich ab vom Bösen und tut Gutes, das andere hat nichts Böses, um sich davon abzuwenden, und hat ein großes Gut, um es zu genießen; das eine kämpft mit dem Feinde, das andere herrscht ohne Feind; das eine ist stark in Widerwärtigkeiten, das andere empfindet nichts Unangenehmes; das eine zügelt die fleischlichen Gelüste, das andere gibt sich geistigen Wonnen hin; das eine ist bekümmert wegen der Sorge zu siegen, das andere ist sorglos im friedlichen Genusse des Sieges; das eine ist in den Versuchungen auf Hilfe angewiesen, das andere freut sich ohne jede Versuchung im Helfer selbst; das eine steht dem Bedürftigen bei, das andere ist dort, wo es keinen Bedürftigen antrifft; das eine verzeiht fremde Sünden, damit ihm die eigenen verziehen werden, das andere erleidet weder, was es verzeihen sollte, noch tut es, wofür es um Verzeihung bitten müßte; das eine wird gegeißelt von Übeln, damit es sich nicht überhebe in Gütern, das andere ist durch eine solche Fülle der Gnade von jedem Übel frei, daß es ohne alle Versuchung zur Hoffart dem höchsten Gute anhängt; das eine unterscheidet Gutes und Böses, das andere kennt nur Gutes; also das eine ist gut, aber noch elend, das andere ist besser und selig. Dieses wird dargestellt durch den Apostel Petrus, jenes durch Johannes. Dieses zieht sich hienieden hin bis zum Ende dieser Welt und findet dort sein Ende; jenes wird hinausgeschoben, um nach dem Ende dieser Welt vollendet zu werden, hat aber in der künftigen Welt kein Ende. Darum wird zu diesem gesagt: „Folge mir nach“; von jenem aber: „Ich will, daß er so bleibe, bis ich komme; was geht das dich an? Du folge mir nach“. Denn was heißt das? Soviel ich sehe, soviel ich verstehe, was heißt das anders als: Du folge mir nach durch Nachahmung in der Ertragung zeitlicher Übel; jener bleibe, bis ich komme, um mit ewigen Gütern zu vergelten? Dies kann deutlicher so ausgedrückt werden: Vollendetes Tun folge mir nach, das durch das [S. 1177] Beispiel meines Leidens ermutigt wurde; die angefangene Anschauung aber bleibe, bis ich komme, um vollendet zu werden, wenn ich komme. Es folgt nämlich Christus nach, bis zum Tode gelangend, die fromme Fülle der Geduld; es bleibt aber, bis Christus kommt, die dann zu offenbarende Fülle der Erkenntnis. Hier nämlich erduldet man die Übel dieser Welt im Lande der Sterbenden, dort wird man die Güter des Herrn schauen im Lande der Lebendigen. Wenn er nämlich sagt: „Ich will, daß er so bleibe, bis ich komme“, so ist das nicht so zu verstehen, als habe er gesagt, er soll zurückbleiben oder fortleben, sondern, er soll warten, weil das, was durch ihn gesinnbildet wird, sicher nicht jetzt, sondern, wenn Christus kommt, erfüllt werden wird. Was aber durch den gesinnbildet wird, zu dem gesagt wurde: „Du folge mir nach“, muß jetzt geschehen, sonst wird man nicht zu dem kommen, was erwartet wird. Je mehr wir aber in diesem tätigen Leben Christus lieben, desto leichter werden wir vom Übel befreit. Aber er liebt uns weniger, so wie wir jetzt sind, und befreit uns davon deshalb, damit wir nicht immer so seien. Dort aber liebt er uns mehr, weil wir, was ihm mißfällt und was er von uns wegnimmt, nicht haben werden; und aus keinem andern Grunde liebt er uns hier, als um uns zu heilen und uns zu befreien von dem, was er nicht liebt. Hier also weniger, wo er nicht will, daß wir bleiben; dort mehr, wohin er will, daß wir hinüberkommen sollen, und von wo er nicht will, daß wir ausgeschlossen werden sollen. Petrus soll ihn also lieben, damit wir von dieser Sterblichkeit befreit werden; es soll Johannes von ihm geliebt werden, damit wir in jener Unsterblichkeit erhalten werden.

1: Weish. 19, 15.
2: Röm. 8, 24 f.
3: Job 7, 1.
4: Matth. 6, 13.
5: Job 14, 1. Statt plenus irae hat die Vulgata: repletur multis miseriis.
6: Ps. 76, 10 [hebr. Ps. 77, 10].
7: Gal. 4, 4.
8: 1 Tim. 2, 5.
9: Matth. 6, 12.
10: Vgl. 118. Vortr. Nr. 4.
11: Matth. 16, 16―19.
12: Im buchstäblichen Sinne bezieht sich die petra, auf welche Christus nach Matth. 16, 18 die Kirche erbaut hat, auf den Apostel Petrus und nur auf diesen. Diese Erklärung der Stelle findet sich in der Tat auch bei Augustin mehrmals. Er neigt aber doch mehr zu der andern Erklärung hin, wonach die petra auf Christus zu beziehen ist. Beide Erklärungen schließen sich, richtig verstanden, nicht aus, auch nicht im Sinne Augustins. Unser Kirchenvater leugnet darum nicht, daß dem Apostel Petrus bei Matth. 16, 18 der Primat übertragen wurde. Siehe das Genauere bei Specht, Die Lehre von der Kirche nach dem h. Augustin, Paderb. 1892, S. 129 ff. 143 ff.
13: 1 Kor. 10, 4.
14: 1 Kor. 3, 11.
15: 1 Petr. 2, 21.
16: 1 Kor. 13, 12.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. 116. Vortrag
. 117. Vortrag
. 118. Vortrag
. 119. Vortrag
. 120. Vortrag
. 121. Vortrag
. 122. Vortrag
. 123. Vortrag
. 124. Vortrag
. . Einleitung.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger