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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
124. Vortrag

4.

Wer sollte sich auch nicht bei diesen beiden Aposteln, Petrus und Johannes, zu fragen gedrängt fühlen, warum der Herr den Johannes mehr liebte, da den Herrn selbst Petrus mehr liebte? Denn wo immer Johannes sich erwähnt, fügt er, damit er trotz der [S. 1171] Verschweigung seines Namens erkannt werden könne, dies bei, daß der Herr ihn liebte, als ob er ihn allein liebte, so daß er durch dieses Kennzeichen von den übrigen sich unterschied, die er doch gewiß alle liebte. Was anders also, als daß er mehr geliebt worden sei, wollte er verstanden wissen, da er dies sagte? Und er hat es sicher nicht in lügenhafter Weise gesagt. Was konnte aber Jesus für einen größeren Beweis seiner größeren Liebe zu ihm geben, als daß ein Mensch, der mit seinen übrigen Mitjüngern Genosse seines so großen Heiles war, dennoch allein an der Brust des Heilandes selbst lag? Daß ferner der Apostel Petrus mehr als die übrigen Christus liebte, dafür könnten zwar viele Zeugnisse vorgebracht werden, aber um nicht weit weg nach andern zu suchen, so erhellt es genügend klar aus dem kurz vorhergehenden Lesestück über die dritte Erscheinung des Herrn, wo er ihn fragte und sprach: „Liebst du mich mehr als diese?“ Das wußte er natürlich und dennoch fragte er, damit auch wir, die wir das Evangelium lesen, die Liebe des Petrus zu dem Herrn aus der Frage des einen und der Antwort des andern ersehen sollten. Wenn aber Petrus in seiner Antwort: „Ich liebe Dich“, nicht beifügte: mehr als diese, so antwortete er eben das, was er von sich selbst wußte. Denn wie sehr er von irgendeinem andern geliebt wurde, konnte er nicht wissen, da er in das Herz eines andern nicht hineinschauen konnte. Aber doch durch die obigen Worte, wo er sprach: „Ja, Herr, Du weißt es“1, hat er auch selbst zur Genüge erklärt, der Herr habe als ein bereits Wissender nach dem gefragt, was er fragte. Der Herr wußte also nicht bloß, daß Petrus ihn liebte, sondern auch, daß er ihn mehr als jene liebte. Und doch, wenn wir die Frage vorlegen, wer von beiden besser sei, ob der, welcher Christus mehr, oder der, welcher ihn weniger liebt, wer wird sich bedenken zu antworten, der, welcher mehr liebt, sei besser? Desgleichen wenn wir fragen, wer von beiden besser sei, ob der, welchen Christus weniger liebt, oder der, welchen er mehr liebt, so werden wir ohne Zweifel antworten, der, welcher von [S. 1172] Christus mehr geliebt wird, sei besser. Bei jener zuerst erwähnten Vergleichung also wird Petrus dem Johannes, bei dieser andern aber Johannes dem Petrus vorgezogen. Somit legen wir eine dritte Frage so vor: Wer von beiden Jüngern ist besser, der, welcher weniger als sein Mitjünger Christus liebt und mehr als sein Mitjünger von Christus geliebt wird? Oder der, welchen Christus weniger als seinen Mitjünger liebt, während er selbst mehr als sein Mitjünger Christus liebt? Hier allerdings zögert die Antwort und die Frage wird schwieriger. Soviel aber ich verstehe, so möchte ich am liebsten antworten, besser sei der, welcher Christus mehr liebt, glücklicher aber der, welchen Christus mehr liebt, wenn ich nur wüßte, wie ich die Gerechtigkeit unseres Erlösers, der den weniger liebt, von welchem er mehr geliebt wird, und den mehr liebt, von welchem er weniger geliebt wird, verteidigen könnte.

1: Joh. 21, 15. 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger