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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
123. Vortrag

5.

Aber zuerst fragt der Herr, was er schon wußte, und nicht bloß einmal, sondern zum zweiten und dritten Male, ob Petrus ihn liebe, und nichts anderes hörte er ebenso oft von Petrus, als daß er geliebt werde, und [S. 1163] nichts anderes trägt er dem Petrus ebenso oft auf, als seine Schafe zu weiden. Für die dreifache Verleugnung wird ein dreifaches Bekenntnis erstattet, damit nicht die Zunge weniger der Liebe als der Furcht diene und der bevorstehende Tod mehr Worte entlockt zu haben scheine als das gegenwärtige Leben. Es sei ein Erweis der Liebe, die Herde des Herrn zu weiden, wenn es ein Beweis der Furcht war, den Hirten zu verleugnen. Die in dieser Absicht die Schafe Christi weiden, daß sie dieselben als die ihrigen betrachten, nicht als die Christi, erweisen sich als solche, die sich lieben, nicht Christus, geleitet von dem Verlangen, entweder sich zu rühmen oder zu herrschen oder zu gewinnen, nicht von der Liebe zu gehorchen, zu helfen und Gott zu gefallen. Die so oft gestellte Frage Christi wacht also gegen diejenigen, über welche der Apostel klagt, daß „sie das Ihrige suchen, nicht was Jesu Christi ist“1. Denn was heißt: „Liebst du mich? Weide meine Schafe“, anders als wenn gesagt würde: Wenn du mich liebst, denke nicht daran, dich zu weiden, sondern meine Schafe weide als die meinigen, nicht als die deinigen; meine Ehre suche in ihnen, nicht die deine; meine Herrschaft, nicht die deine; meinen Gewinn, nicht den deinen, damit du nicht in der Gesellschaft derer seiest, die in jenen gefahrvollen Zeiten auftreten, sich selbst liebend und das übrige, was mit dieser Wurzel alles Übels zusammenhängt? Denn nachdem der Apostel gesagt hatte: „Es werden nämlich Menschen sein, die sich selbst lieben“, fügte er weiter bei: „geldgierig, aufgeblasen, hoffärtig, schmähsüchtig, gegen die Eltern ungehorsam, undankbar, ruchlos, gottlos, lieblos, verleumderisch, unenthaltsam, unbarmherzig, unfreundlich, verräterisch, frech, verblendet, die Wollust mehr liebend als Gott, zwar den Schein der Frömmigkeit an sich tragend, aber ihre Kraft verleugnend“2. Alle diese Übel fließen wie aus einer Quelle, aus dem nämlich, was er an die Spitze gesetzt hat: Selbstsucht. Mit Recht wird darum zu Petrus gesagt: „Liebst du mich?“ und er antwortet: [S. 1164] „Ich liebe Dich“, und es wird ihm erwidert: „Weide meine Lämmer“; und so zum zweiten, und so zum dritten Male. Dabei zeigt es sich auch, daß amor und dilectio ein und dasselbe sind; denn auch der Herr sagt zuletzt nicht: Diliges me, sondern: Amas me? Also nicht uns, sondern ihn wollen wir lieben und beim Weiden seiner Schafe das Seinige, nicht das Unsrige suchen. Denn auf eine gewisse unaussprechliche Weise liebt, wer sich, nicht Gott liebt, sich selbst nicht, und wer Gott, nicht sich liebt, der liebt sich selbst. Denn wer nicht leben kann von sich, stirbt sicher, indem er sich liebt; also liebt sich nicht, wer sich liebt, um nicht zu leben. Wenn man aber jenen liebt, von dem man lebt, dann liebt einer, indem er sich nicht liebt, mehr, weil er deshalb sich nicht liebt, damit er den liebe, von dem er lebt. Also nicht sich selbst sollen die lieben, welche die Schafe Christi weiden, damit sie dieselben nicht als die ihrigen, sondern als die seinigen weiden und aus ihnen ihren Gewinn ziehen wollen, wie „Liebhaber des Geldes“; oder über sie herrschen, wie „Aufgeblasene“; oder sich rühmen wegen der Ehren, die sie von ihnen empfangen, wie „Hoffärtige“; oder soweit gehen, daß sie Irrlehren anstiften, wie „Schmähsüchtige“; und den heiligen Vätern nicht nachgeben, wie die „gegen die Eltern Ungehorsamen“; und denjenigen, welche sie bessern wollen, weil sie dieselben nicht zugrunde gehen lassen wollen, Böses für Gutes vergelten, wie „Undankbare“; sowohl ihre wie fremde Seelen morden, wie „Ruchlose“; den Mutterschoß der Kirche zerreißen, wie „Gottlose“; mit den Schwachen kein Mitleid haben, wie „Lieblose“; den guten Ruf der Heiligen zu beflecken suchen, wie „Verleumder“; die schlimmsten Begierden nicht zügeln, wie „Unenthaltsame“; Streitigkeiten anzetteln, wie „Unbarmherzige“; nicht helfen mögen, wie „Unfreundliche“; den Feinden der Frommen mitteilen, was sie als Geheimnis erfahren haben, wie „Verräter“; die menschliche Züchtigkeit durch schamlose Zumutungen belästigen, wie „Freche“; nicht verstehen, was sie reden noch worüber sie etwas behaupten3, wie „Verblendete“; [S. 1165] fleischliche Genüsse den geistigen Freuden vorziehen, wie die, „welche die Wollust mehr lieben als Gott“. Denn diese und ähnliche Laster, mögen sie alle miteinander einem Menschen anhaften, oder die einen über diese, die andern über jene herrschen, sprossen gewissermaßen aus jener Wurzel, wenn die Menschen „sich selbst lieben“. Vor diesem Laster müssen sich besonders diejenigen hüten, welche die Schafe Christi weiden, damit sie nicht das Ihrige suchen, nicht, was Jesu Christi ist, und damit sie nicht zum Dienste ihrer Begierden diejenigen benützen, für welche das Blut Christi vergossen worden ist. Die Liebe zu diesem muß in demjenigen, welcher seine Schafe weidet, zu einer so großen geistigen Glut anwachsen, daß sie auch die natürliche Furcht vor dem Tode überwindet, infolge welcher wir nicht sterben wollen, auch wenn wir mit Christus leben wollen. Denn auch der Apostel Paulus sagt, er habe ein Verlangen aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein4; er seufzt jedoch schwer bedrückt und will nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben5. Auch zu diesem, seinem Liebhaber6, sagt der Herr: „Wenn du alt geworden sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Dies aber sagte er, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde“. „Du wirst“, sagt er, „deine Hände ausstrecken“, d. h. du wirst gekreuzigt werden. Damit du aber dazu kommest, „wird ein anderer dich gürten und dich führen, nicht wohin du willst, sondern „wohin du nicht willst“. Zuerst sagte er, was geschehen sollte, und dann, wie es geschehen sollte. Denn nicht am Kreuze, sondern zum Zwecke der Kreuzigung wurde er geführt, wohin er nicht wollte; denn am Kreuze ging er nicht hin, wohin er nicht wollte, sondern vielmehr wohin er wollte. Gelöst nämlich vom Leibe, wollte er bei Christus sein, aber wenn es möglich wäre, möchte er ohne [S. 1166] den Schauder des Todes das ewige Leben ersehnen; zu diesem Schauder wurde er wider Willen hingeführt, aber herausgeführt aus ihm wurde er mit Willen; wider Willen kam er zu ihm, aber mit Willen besiegte er ihn und gab diesen Hang zur Schwachheit auf, gemäß dem niemand sterben will, ein Hang, der so natürlich ist, daß auch das Greisenalter ihn dem Petrus nicht benehmen konnte, zu dem gesagt wurde: „Wenn du alt geworden sein wirst“, wirst du geführt werden, „wohin du nicht willst“. Zu unserem Troste hat auch der Heiland diesen Hang auf sich genommen, indem er sprach: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“7, er, der jedoch zu sterben gekommen war und dem Tode nicht notwendig unterlag, sondern freiwillig starb, da er die Macht hatte, sein Leben hinzugeben und es wieder zu nehmen. Allein wie groß auch der Schauder des Todes sein mag, die Kraft der Liebe muß ihn überwinden, womit der geliebt wird, der, obwohl er unser Leben ist, auch den Tod für uns ertragen wollte. Denn wenn der Tod keine oder nur eine kleine Beschwerlichkeit mit sich brächte, dann würde der Ruhm der Märtyrer nicht so groß sein. Aber wenn der gute Hirte, der sein Leben hingab für seine Schafe8, aus den Schafen selbst so viele Märtyrer sich bereitete, um wieviel mehr müssen die bis zum Tode für die Wahrheit und bis zur Vergießung des Blutes gegen die Sünde kämpfen, welchen er die Schafe selbst zu weiden, d. h. zu lehren und zu leiten anvertraut? Und darum, da das Beispiel seines Leidens vorausging, wer sollte nicht sehen, daß um so mehr die Hirten durch Nachahmung dem Hirten sich anschließen müssen, wenn ihm sogar viele Schafe nachgeahmt haben, unter welchem einen Hirten in der einen Herde auch die Hirten selbst Schafe sind? Alle nämlich hat er zu seinen Schafen gemacht, weil auch er, um für uns zu leiden, ein Schaf geworden ist.

1: Phil. 2, 21.
2: 2 Tim. 3, 1―5.
3: 1 Tim. 1, 7.
4: Phil. 1, 23.
5: 2 Kor. 5, 4.
6: Petrus.
7: Matth. 26, 39.
8: Joh. 10, 18. 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger