Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 122. Vortrag
9. Nicht umsonst also sind diese Fische, so viele und so große, d.i. hundertdreiundfünfzig, genannt worden. Denn so steht geschrieben: "Und er zog das Netz ans Land, voll von großen Fischen, hundertdreiundfünfzig." Als nämlich der Herr gesagt hatte: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen", da er ja den Geist geben wollte, durch den das Gesetz erfüllt werden könnte, gleichsam sieben zu zehn hinzufügend, sprach er wenige Worte hernach: "Wer also eines von diesen geringsten Geboten auflöst, und so die Menschen lehrt, wird der Geringste genannt werden im Himmelreich; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Himmelreich". Dieser also wird zur Zahl der großen Fische gehören können. Jener Geringste aber, welcher durch Taten auflöst, was er durch Worte lehrt, kann in jener Kirche sein, wie sie der erste Fischfang sinnbildet, die nämlich Gute und Böse in sich schließt; denn auch sie wird Himmelreich genannt: "Das Himmelreich gleicht einem Netze, das ins Meer geworfen wird und allerlei Fische einfängt"1 , wobei er verstanden wissen will: auch gute und böse. Von diesen sagt er, daß sie am Ufer, d.h. am Ende der Welt, gesondert werden sollen. Endlich, um zu zeigen, daß jene Geringsten, welche das Gute in Reden lehren, und durch ein schlechtes Leben wieder auflösen, Verworfene seien und daß sie nicht sozusagen die Geringsten im ewigen Leben sein werden, sondern dort überhaupt nicht sein werden, so fügte er nach den Worten: "Er wird der Geringste genannt werden im Reiche Gottes, sofort hinzu: "Denn ich sage euch, wenn eure Gerechtigkeit nicht größer sein wird als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen"2 . Es sind das sicher jene Schriftgelehrten und Pharisäer, welche auf dem Stuhle Moses sitzen und von welchen er sagt: "Was sie sagen, tut; was sie aber tun, tut nicht; denn sie sagen es und tun es nicht"3 ; sie lehren durch Worte, was sie durch ihre Sitten aufheben. Es folgt also, daß, wer der Geringste ist im Himmelreiche, so wie die Kirche jetzt ist, nicht in das Himmelreich eingeht, so wie die Kirche dann sein wird, weil er dadurch, daß er lehrt, was er aufhebt, nicht zur Gesellschaft derer gehören wird, welche tun, was sie lehren, und darum wird er nicht in der Zahl der großen Fische sein; denn nur "wer tut und lehrt, wird groß genannt werden im Himmelreich". Und weil dieser groß sein wird, wird er dort sein, wo jener Geringste nicht sein wird. So groß nämlich werden sie dort sein, daß, wer dort kleiner ist, größer ist als der, im Vergleich zu welchem hier keiner größer ist4 . Aber doch, die hier groß sind, d.h. die im Himmelreich, wo das Netz Gute und Böse vereinigt, das Gute tun, das sie lehren, diese werden in jener Ewigkeit des Himmelreiches die größeren sein; auf sie, die da zur Rechten und zur Auferstehung des Lebens gehören, weisen jene Fische hin. Nun erübrigt noch, daß wir von dem Mahle des Herrn mit diesen sieben Jüngern und von dem, was er nach dem Mahle gesprochen hat, und vom Schlusse des Evangeliums das, was der Herr geben wird, handeln; aber dies soll nicht in diese Rede eingeengt werden.
1: Mt 13,47 2: Mt 5,17-20 3: Mt 23,2f. 4: Mt 11,11
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