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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
121. Vortrag

1.

Hinweggenommen worden sei der Herr aus dem Grabe, hatte seinen Jüngern, dem Petrus und Johannes, Maria Magdalena verkündet. Und als jene hinkamen, sahen sie nur die Leintücher, in die der Leichnam eingewickelt worden war, und was konnten sie anderes glauben, als was sie gesagt und auch selbst geglaubt hatte? „Da gingen die Jünger wieder zurück“, d. h. dorthin, wo sie wohnten und von woher sie zum Grabe geeilt waren. „Maria aber stand draußen am Grabe und weinte.“ Als nämlich die Männer zurückkehrten, wurde das schwächere Geschlecht durch eine stärkere Liebe an demselben Orte zurückgehalten. Und die Augen, welche den Herrn gesucht und nicht gefunden hatten, ergaben sich nun den Tränen, mehr bedauernd, daß er vom Grabe weggenommen worden war, als daß er am Kreuze getötet worden war, weil von dem großen Meister, dessen Leben ihnen entzogen wurde, nicht einmal ein Erinnerungszeichen zurückblieb. Dieser Schmerz also hielt das Weib noch am Grabe fest. „Als sie nun weinte, beugte sie sich und sah in das Grab hinein.“ Warum sie das tat, weiß ich nicht. Denn sie wußte wohl, daß der nicht mehr dort sei, den sie suchte. Hatte sie ja selbst auch den Jüngern gemeldet, daß er weggenommen worden sei, und hatten sich jene beim Grabe eingefunden und nicht bloß durch Hineinschauen, sondern auch durch Hineingehen den Leichnam des Herrn gesucht und nicht gefunden. Was hat es also auf sich, daß sie, während sie weinte, wieder in das Grab sich beugte und hineinsah? Meinte sie etwa, sie dürfte, weil sie allzusehr trauerte, weder ihren noch jener Augen trauen? Oder geschah es vielmehr durch einen [S. 1141] göttlichen Antrieb in ihrem Geiste, daß sie hineinblickte? Sie blickte nämlich hinein „und sah zwei Engel in weißen Kleidern sitzend, den einen zu Häupten, den andern zu Füßen, da wo der Leichnam Jesu gelegen hatte“. Was bedeutet das, daß der eine zu Häupten, der andere zu Füßen saß? Vielleicht weil sie, die auf griechisch Engel heißen, lateinisch nuntii (Boten) sind, auf diese Weise zu erkennen gaben, das Evangelium Christi müsse sozusagen vom Haupte bis zu den Füßen, vom Anfang bis zum Ende verkündet werden? „Diese sagten zu ihr: Weib, warum weinst du? Sie sprach zu ihnen: Weil sie meinen Herrn weggenommen und ich nicht weiß, wo sie ihn hingelegt haben.“ Die Engel verboten die Tränen, und was verkündigten sie da sonst als gewissermaßen die künftige Freude? Denn so sagten sie: „Warum weinst du?“ als ob sie sagen wollten: Weine nicht. Aber sie, in der Meinung, sie hätten gefragt, weil sie es nicht wüßten, verrät die Ursache ihrer Tränen. „Weil sie“, sagt sie, „meinen Herrn weggenommen haben“, wobei sie den entseelten Leib ihres Herrn ihren Herrn nennt, den Teil für das Ganze nehmend, wie wir alle von Jesus Christus, dem einzigen Sohne Gottes, unserm Herrn, der gewiß zugleich das Wort, die Seele und das Fleisch ist, bekennen, er sei gekreuzigt und begraben worden, obwohl nur sein Fleisch begraben wurde. „Und ich weiß nicht“, sagt sie, „wo sie ihn hingelegt haben.“ Das war die größere Ursache ihres Schmerzes, weil sie nicht wußte, wohin sie gehen sollte, um in ihrem Schmerz Trost zu suchen. Aber die Stunde war schon gekommen, wo das, was von den das Weinen verbietenden Engeln gewissermaßen angekündigt worden war, nämlich die Freude, die Tränen ablösen sollte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger