Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 118. Vortrag
5. Und niemand wird darum sagen, daß diese Dinge nichts Gutes andeuten, weil sie durch Böse geschahen, nämlich nicht durch diejenigen, welche Christus nachfolgten, sondern die ihn verfolgten. Denn was sollen wir sogar vom Kreuze sagen, welches gewiß ebenso von den Feinden und Gottlosen Christo bereitet und aufgebürdet wurde? Und doch nimmt man mit Recht an, es werde durch dasselbe das angedeutet, was der Apostel sagt: "Welches die Breite, die Länge, die Höhe und die Tiefe sei"1 . Breit ist es nämlich im Querholze, woran die Hände des Hängenden ausgestreckt sind, und das bedeutet die guten Werke, die in der Breite der Liebe geschehen; lang ist es vom Querholz bis zur Erde, wo der Rücken und die Füße angeheftet sind, und das bedeutet die Beharrlichkeit in der Länge der Zeit bis zum Ende; hoch ist es an der Spitze, wo es über das Querholz nach oben zu hinausragt, und das bedeutet das oberste Ziel, auf das alle Werke bezogen werden, weil alles, was in der Breite und Länge gut und beharrlich geschieht, wegen der Höhe der göttlichen Belohnungen getan werden soll; tief ist es in jenem Teile, wodurch es in der Erde steckt; da ist es nämlich verborgen und kann nicht gesehen werden, aber alles, was von ihm sichtbar ist und hervorragt, erhebt sich von da an, wie alle unsere guten Werke aus der Tiefe der Gnade Gottes, die nicht begriffen und beurteilt werden kann, hervorgehen. Aber wenn auch das Kreuz Christi nur das bedeutet, was der Apostel sagt: "Die aber Jesus Christus angehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt mit seinen Leidenschaften und Gelüsten"2 , ein wie großes Gut ist das? Und doch bewirkt dies nur der gegen das Fleisch gelüstende gute Geist, während das Kreuz Christi der Feind bereitet hat, d.h. der böse Geist. Schließlich was ist das allen bekannte Zeichen Christi anders als das Kreuz Christi? Und wenn dieses Zeichen nicht gemacht wird an der Stirne der Gläubigen oder über das Wasser, woraus sie wiedergeboren oder über das Öl, womit sie im Chrisam gesalbt, oder über das Opfer, womit sie genährt werden, so wird nichts hiervon rechtmäßig vollbracht. Wie soll also durch das, was Böse tun, nichts Gutes gesinnbildet werden, wenn doch durch das Kreuz Christi, das Böse bereitet haben, bei der Feier seiner Geheimnisse für uns alles Gute bezeichnet wird? Doch soweit dies, das Folgende aber wollen wir mit Gottes Hilfe ein anderes Mal erörtern und betrachten.
1: Eph 3,18 2: Gal 5,24
|