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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
117. Vortrag

5.

„Da sagten die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht König der Juden, sondern: Dieser hat gesagt: Ich bin der König der Juden. Pilatus [S. 1122] antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ O unaussprechliche Macht der göttlichen Wirksamkeit, auch in den Herzen der Unwissenden! Rief nicht eine geheime Stimme dem Pilatus innerlich in lauter Stille, wenn man so sagen darf, zu, was lange vorher in dem Buche der Psalmen vorhergesagt worden war: „Vertilge nicht die Titelüberschrift“1. Siehe, er vertilgt nicht die Titelüberschrift; was er geschrieben hat, hat er geschrieben. Aber auch die Hohenpriester, die das getilgt wissen wollten, ― was sagten sie: „Schreibe nicht“, sagen sie, „König der Juden, sondern: Dieser hat gesagt: Ich bin der König der Juden“. Was redet ihr da, ihr Toren? Warum widersprecht ihr dem, was ihr auf keine Weise ändern könnt? Denn wird es etwa deshalb nicht wahr sein, weil Jesus gesagt hat: „Ich bin der König der Juden“? Wenn nicht ausgetilgt werden kann, was Pilatus geschrieben hat, kann dann ausgetilgt werden, was die Wahrheit gesprochen hat? Aber ist denn Christus bloß der König der Juden, nicht auch der Heiden? Gewiß auch der Heiden. Denn nachdem er in der Prophetie gesagt hatte: „Ich aber bin von ihm als König eingesetzt über Sion, seinen heiligen Berg, zu verkünden das Gesetz des Herrn“, hat er, damit niemand wegen des Berges Sion sage, er sei nur für die Juden als König eingesetzt, sogleich beigefügt: „Der Herr sprach zu mir: Du bist mein Sohn, ich habe Dich heute gezeugt; fordere von mir und ich will Dir die Völker zu Deinem Erbe geben, und zu Deinem Besitztum die Grenzen der Erde“2. Daher sagt er auch selbst, bereits durch seinen eigenen Mund bei den Juden redend: „Ich habe noch andere Schafe, welche nicht in diesem Schafstalle sind; auch diese muß ich herbeiführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt sein“3. Warum nun wollen wir, man solle ein großes Geheimnis in diesem Titel erkennen, worin geschrieben war: „König der Juden“, wenn Christus auch der König der Heiden ist? Weil eben der wilde [S. 1123] Ölzweig der Fettigkeit des Ölbaumes teilhaft geworden ist, nicht der Ölbaum teilnahm an der Bitterkeit des wilden Ölzweiges4. Denn wenn von Christus in Wahrheit der Titel geschrieben ist: „König der Juden“, welche sind unter den Juden zu verstehen außer der Same Abrahams, die Söhne der Verheißung, welche auch Kinder Gottes sind? Denn „nicht die, welche Kinder des Fleisches sind“, sagt der Apostel, „diese sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden zum Samen gerechnet“5. Und Heiden waren es, zu welchen er sagte: „Wenn ihr aber Christi seid, dann seid ihr also Abrahams Same, nach der Verheißung Erben“6. Christus ist also König der Juden, aber der Juden, die es sind durch die Beschneidung des Herzens, dem Geiste nach, nicht dem Buchstaben nach, deren Lob nicht von Menschen, sondern von Gott kommt7, die zu Jerusalem, der freien, unserer ewigen Mutter im Himmel gehören, zu der geistigen Sara, welche die Magd und ihre Kinder aus dem Hause der Freiheit vertreibt8. Denn darum hat Pilatus geschrieben, was er geschrieben hat, weil der Herr gesagt hat, was er gesagt hat.

1: Ps. 56, 1; 57, 1 [hebr. Ps. 57, 1; 58, 1].
2: Ps. 2, 6―8 [hebr. Ps. 2, 6‭―8].
3: Joh. 10, 16.
4: Röm. 11, 17.
5: Röm. 9, 7 f.
6: Gal. 3, 29.
7: Röm. 2, 29.
8: Gal. 4, 22―31.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger