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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
115. Vortrag

4.

Dann fügt er bei: „Ich bin dazu1 geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich Zeugnis gebe der Wahrheit“. Die Silbe dieses Fürwortes ist nicht lang auszusprechen, wenn er sagt: In hoc natus sum, als habe er gesagt: Ich bin hierin geboren, sondern kurz zu sprechen, als habe er gesagt: Dazu2 bin ich geboren, wie er sagt: „Ich bin dazu in die Welt gekommen“. Im griechischen Evangelium herrscht nämlich bei diesem Ausdruck keine Zweideutigkeit3. Hieraus wird klar, er habe hier von seiner zeitlichen Geburt gesprochen, durch die er fleischgeworden in die Welt kam, nicht jene anfangslose, in der er Gott war, durch den der Vater die Welt gründete. Dazu also, d. h. deshalb, sagte er, sei er geboren, und dazu in die Welt gekommen, natürlich durch die Geburt aus der Jungfrau, daß er [S. 1110] Zeugnis gebe der Wahrheit. Aber weil der Glaube nicht Sache aller ist4, fügte er hinzu und sprach: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“. Er hört sie, freilich mit den inneren Ohren, d. h. er gehorcht meiner Stimme, was ebensoviel bedeuten sollte als: er glaubt mir. Wenn nun Christus der Wahrheit Zeugnis gibt, dann gibt er fürwahr sich selbst Zeugnis; seine Stimme ist es ja, die sagt: „Ich bin die Wahrheit“5, und auch an einer andern Stelle hat er gesagt: „Ich gebe Zeugnis von mir“6. Die Worte aber: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“, weisen auf die Gnade hin, durch die er gemäß dem Ratschlusse beruft. Und von diesem Ratschlusse sagt der Apostel: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die nach dem Ratschlusse Gottes berufen sind“7, nach dem Ratschlusse nämlich des Berufenden, nicht der Berufenen. Dies lautet anderswo deutlicher so: „Arbeite mit am Evangelium vermöge der Kraft Gottes, der uns errettet und beruft mit seinem heiligen Berufe, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschlusse und seiner Gnade“8. Denn wenn wir an die Natur denken, in der wir erschaffen sind, wer ist, da alle von der Wahrheit erschaffen sind, nicht aus der Wahrheit? Aber nicht alle sind es, denen, damit sie die Wahrheit hören, d. h. damit sie der Wahrheit gehorchen und an die Wahrheit glauben, dies durch die Wahrheit selbst verliehen wird, natürlich ohne vorausgegangene Verdienste, damit nicht die Gnade keine Gnade sei. Wenn er nämlich gesagt hätte: Jeder, der meine Stimme hört, ist aus der Wahrheit, so könnte man meinen, er werde deshalb „aus der Wahrheit“ genannt, weil er der Wahrheit gehorcht. So sagt er aber nicht, sondern er sagt: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“. Und folglich ist er nicht deshalb aus der Wahrheit, weil er seine Stimme hört, sondern er hört sie deshalb, weil [S. 1111] er aus der Wahrheit ist, d. h. weil ihm dieses Geschenk durch die Wahrheit verliehen worden ist. Was ist das anders, als: durch die Gnade Christi glaubt er an Christus.

1: In hoc ist Akkusativ, nicht Ablativ.
2: Ad hanc rem = ad hoc.
3: εἰς τοῦτο [eis touto].
4: 2 Thess. 3, 2.
5: Joh. 14, 6.
6: Joh. 8, 18.
7: Röm. 8, 28.
8: 2 Tim. 1, 8 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger