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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
115. Vortrag

1.

Was Pilatus zu Christus gesagt, und was dieser dem Pilatus geantwortet hat, soll in dieser Rede betrachtet und behandelt werden. Als nämlich den Juden gesagt worden war: „Nehmet ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetze“, und diese geantwortet hatten: „Es ist uns nicht erlaubt, jemand zu töten“, „ging Pilatus wieder in das Gerichtshaus hinein und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist Du der König der Juden? Und Jesus antwortete: Sagst du das von dir selbst, oder haben es dir andere von mir gesagt?“ Ohne Zweifel wußte der Herr sowohl das, um was er selbst fragte, als auch das, was jener antworten würde, aber doch sollte es gesagt werden, nicht damit er es kennen lernen möchte, sondern damit aufgeschrieben würde, was wir wissen sollten. „Pilatus antwortete: Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben Dich mir überantwortet; was hast Du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so würden ja meine Diener kämpfen, damit ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von hinnen.“ Das ist es, was wir nach der Absicht des guten Meisters wissen sollten; aber zuerst sollte uns die falsche Meinung der Menschen über sein Reich gezeigt werden, sei es der Heiden oder der Juden, von welchen Pilatus dies gehört hatte; gleich als hätte er deshalb mit dem Tode bestraft werden sollen, weil er eine unerlaubte Herrschaft angestrebt habe, oder weil die gegenwärtigen Herrscher auf die künftigen Herrscher mit Mißgunst hinzuschauen pflegen, und man natürlich auf der Hut sein mußte, daß nicht seine Herrschaft, sei es den [S. 1107] Römern, sei es den Juden, entgegen wäre. Der Herr hätte aber die Worte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ usw. schon auf die erste Frage des Landpflegers sprechen können, wo dieser sagt: „Bist Du der König der Juden?“ Aber indem er die Gegenfrage an ihn stellte, ob er das aus sich selbst sage oder von andern gehört habe, wollte er durch dessen Erwiderung zeigen, dies sei ihm vor jenem von den Juden als Verbrechen vorgeworfen worden. Dabei erschloß er uns die Gedanken der Menschen, die er selbst wohl erkannte, „daß sie eitel sind“1, und antwortete nunmehr nach der Antwort des Pilatus den Juden und Heiden gelegener und passender: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Wenn er dies dem Pilatus auf seine Frage sogleich erwidert hätte, so würde es den Anschein gehabt haben, daß er nicht auch den Juden, sondern nur den Heiden, die das von ihm meinten, geantwortet habe. Weil nun aber Pilatus antwortete: „Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben Dich mir übergeben“, entfernte er von sich den Verdacht, als habe er es aus sich selbst gesagt, daß er Jesus als König der Juden bezeichnet hatte, und gab somit zu erkennen, er habe dies von den Juden gehört. Durch die Frage sodann: „Was hast Du getan?“ zeigte er deutlich, es sei ihm jenes als Verbrechen vorgeworfen worden, gleich als würde er sagen: Wenn Du Dich als König verneinst, was hast Du getan, daß Du mir überantwortet wurdest? Als ob es nicht zu verwundern wäre, wenn einer zur Bestrafung dem Richter überantwortet würde, der behauptet, er sei ein König; wenn er aber dies nicht behauptete, vom Richter gefragt werden müßte, was er denn sonst noch getan habe, weshalb er dem Richter überantwortet zu werden verdiente.

1: Ps. 93, 11 [hebr. Ps. 94, 11].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger