Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 114. Vortrag
5. Was aber die weitere Bemerkung des Evangelisten Johannes betrifft: "Damit das Wort Jesu erfüllt würde, das er gesprochen hatte, andeutend, welches Todes er sterben werde", wenn wir darunter den Kreuzestod verstehen wollen, gleich als hätten die Juden darum gesagt: "Es ist uns nicht erlaubt, jemand zu töten, weil Tötung etwas anderes ist als Kreuzigung, so sehe ich nicht ein, wie man es folgerichtig so verstehen kann, da sie es doch auf die Worte des Pilatus erwiderten, welche er an sie gerichtet hatte: "Nehmet ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetze". Konnten sie ihn also nicht nehmen und selbst ihn kreuzigen, wenn sie durch eine solche Hinrichtungsart die Tötung von jemand zu vermeiden wünschten? Wer sieht aber nicht, wie widersinnig es ist, es sei ihnen erlaubt, jemand zu kreuzigen, während es ihnen nicht erlaubt sei, jemand zu töten? Und gar erst, daß der Herr selbst eben diesen seinen Tod, d.h. den Kreuzestod, auch eine Tötung nennt, wie wir bei Markus lesen, wo er sagt: "Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überliefert werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und ihn den Heiden übergeben und sie werden ihn verspotten, anspeien, geißeln und töten, und am dritten Tage wird er auferstehen"?1 . Selbstverständlich nun deutete Jesus mit diesen Worten an, welches Todes er sterben werde; nicht daß er hier den Kreuzestod verstanden wissen wollte, sondern daß die Juden ihn den Heiden überliefern würden, d.h. den Römern. Denn Pilatus war ein Römer, und ihn hatten die Römer als Landpfleger nach Judäa gesandt. Damit also jenes Wort Jesu erfüllt würde, d.h. damit die Heiden den ihnen Überlieferten töten möchten, wie es Jesus vorhergesagt hatte, daruum haben sie, als Pilatus, der ein römischer Richter war, ihn den Juden überlassen wollte, damit sie ihn nach ihrem Gesetze richten, ihn nicht annehmen wollen, sprechend: "Es ist uns nicht erlaubt, jemand zu töten". Und so ist das Wort Jesu erfüllt worden, das er über seinen Tod gesprochen hatte, daß nämlich die Heiden den ihnen von den Juden Überlieferten töten würden, und zwar mit geringerer Schuld als die Juden, welche sich auf diese Weise von seiner Tötung freimachen wollten, nicht damit ihre Unschuld, sondern damit ihre Unvernunft an den Tag käme.
1: Mk 10.33f
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