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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
111. Vortrag

3.

Niemand trübe den so klaren Sinn durch dunklen Widerspruch; die folgenden Worte sollen den vorausgehenden Zeugnis geben. Nämlich nach den Worten: „Ich will, daß, wo ich bin, auch sie seien“, fügte er sogleich weiter hinzu: „Damit sie meine Klarheit sehen, die Du mir gegeben hast, weil Du mich geliebt hast vor Grundlegung der Welt“. „Damit sie sehen“, sprach er, nicht: damit sie glauben. Das ist der Lohn des [S. 1085] Glaubens, nicht der Glaube. Denn, wenn im Briefe an die Hebräer der Glaube richtig definiert ist: „Eine Überzeugung von dem, was man nicht sieht“1, warum sollte dann der Lohn des Glaubens nicht definiert werden als eine Anschauung der Dinge, welche man im Glauben hoffte? Wenn wir nämlich sehen werden die Klarheit, welche der Vater dem Sohne gab, sofern wir darunter auch nicht jene verstehen sollten, die der Vater dem ihm gleichen Sohne bei dessen Zeugung gab, sondern die er dem menschgewordenen Sohne gab nach dem Kreuzestode, ― wenn wir also jene Klarheit des Sohnes sehen werden, fürwahr dann wird das Gericht über die Lebendigen und Toten stattfinden, dann wird der Gottlose hinweggenommen werden, damit er die Klarheit des Herrn nicht schaue2. Welche Klarheit, wenn nicht jene, wodurch er Gott ist? Denn selig, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen3, und die Gottlosen sind nicht reinen Herzens, darum werden sie ihn nicht anschauen. Dann werden diese in die ewige Qual gehen ― denn so wird der Gottlose hinweggenommen werden, damit er die Klarheit des Herrn nicht schaue ―, die Gerechten aber werden gehen in das ewige Leben4. Und was ist das ewige Leben? „Damit sie“, sagt er, „Dich, den alleinigen wahren Gott erkennen, und den Du gesandt hast, Jesus Christus“5; natürlich nicht wie ihn die erkannten, die, wenn auch nicht reinen Herzens, ihn dennoch in der verklärten Knechtsgestalt als Richter sehen konnten, sondern wie von denen, die reinen Herzens sind, erkannt werden soll der alleinige wahre Gott, der Sohn mit dem Vater und dem Heiligen Geiste; denn eben diese Trinität ist der alleinige wahre Gott. Wenn wir also insofern, als der Sohn Gottes Gott ist, dem Vater gleich und ebenso ewig, den Ausspruch verstehen: „Ich will, daß, wo ich bin, auch sie mit mir seien“, so werden wir im Vater bei Christus sein; allein er wie er, wir wie wir, wo immer wir mit [S. 1086] dem Leibe sein mögen. Denn wenn „Orte“ auch das zu nennen ist, worin unkörperliche Dinge umschlossen werden, und Ort für jedes Ding das ist, wo es ist, so ist der ewige Ort Christi, wo er immer ist, der Vater selbst, und der Ort des Vaters ist der Sohn; denn: „Ich“, sagt er, „bin im Vater, und der Vater ist in mir“6, und in diesem Gebete sagt er: „Wie Du Vater in mir, und ich in Dir“; und unser Ort sind sie, weil er fortfährt: „Damit auch sie in uns eins seien“7; und wir sind der Ort Gottes, weil wir sein Tempel sind, wie der für uns betet, der für uns starb und für uns lebt, damit wir in ihnen eins seien; denn „im Frieden ist sein Ort geworden, und seine Wohnung in Sion“8, die wir sind. Aber wer ist imstande, diese Orte, oder was in diesen Orten ist, ohne Ausdehnung oder Körpermaße zu denken? Es ist aber schon viel gewonnen, wenn man wenigstens, was immer derartiges dem Auge des Geistes vorschweben mag, verneint, abweist, verwirft, und wenn man ein gewisses Licht, worin dies als etwas zu Verneinendes, Abzuweisendes, zu Verwerfendes erblickt wird, so gut man kann, sich denkt, und wenn man es als zuverlässig erkennt und liebt, um von da sich zu erheben und nach dem Innern einzudringen. Falls aber der schwache und hierfür zu wenig reine Geist nicht einzudringen vermag, so lasse er sich nicht ohne Seufzen der Liebe und Tränen des Verlangens davon ausschließen und ertrage es geduldig, solange er im Glauben gereinigt wird und, um dort wohnen zu können, durch ein heiliges Leben vorbereitet wird.

1: Hebr. 11, 1.
2: Is. 26, 10.
3: Matth. 5, 8.
4: Matth. 25, 46.
5: Joh. 17, 3.
6: Joh. 14, 10.
7: Joh. 17, 21.
8: Ps. 75, 3 [hebr. Ps. 76, 3].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger