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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
111. Vortrag

2.

Aber weil wir entsprechend der Kürze der Rede bereits gesagt haben, welchen er die Verheißung gegeben und wie zuverlässig die Verheißung sei, so wollen wir, so gut wir vermögen, zusehen, was das sei, was er zu verheißen sich gewürdigt hat. „Die Du mir gegeben hast“, sagt er, ― „ich will, daß, wo ich bin, auch sie mit mir seien“. Was das Geschöpf betrifft, in welchem er aus dem Samen Davids nach dem Fleische geworden ist1, so war auch er noch nicht, wo er künftig sein sollte; aber so konnte er sagen: „Wo ich bin“, daß wir verstehen sollten, er werde bald in den Himmel auffahren, so daß er schon dort zu sein versicherte, wo er in kurzer Zeit sein sollte. Er konnte es auch in dem Sinne sagen, in welchem er schon früher im Gespräche mit Nikodemus gesagt hatte: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, als der herabstieg vom Himmel, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist2. Denn auch da hat er nicht gesagt: sein wird, sondern: „ist“, wegen der Einheit der Person, in welcher sowohl Gott Mensch als auch der Mensch Gott ist. Im Himmel also, verhieß er, werden wir einmal sein; denn dorthin wurde die Knechtsgestalt, die er aus der Jungfrau annahm, erhoben und zur Rechten des Vaters gesetzt. Wegen der Hoffnung eines so großen Gutes sagt auch der Apostel: „Gott aber, der reich ist an Erbarmung, hat aus großer Liebe, womit er uns geliebt hat, und da wir tot waren in Sünden, uns mitbelebt in Christus, durch dessen Gnade ihr gerettet seid, und hat uns miterweckt und mitversetzt in den Himmel in Christus Jesus“3. In diesem Sinne also, darf man annehmen, hat der Herr [S. 1083] gesagt: „Wo ich bin, sollen auch die mit mir sein“. Von sich selbst sagte er freilich, daß er schon dort sei; von uns aber sagte er, er wolle, daß wir dort mit ihm seien, nicht aber stellte er es so dar, daß wir dort schon seien. Der Apostel aber hat das, wovon der Herr sagte, er wolle, daß es geschehe, so ausgedrückt, als sei es schon geschehen. Denn er sagt nicht: Er wird uns erwecken und in den Himmel mitversetzen, sondern: „Er hat erweckt und mitversetzt“, weil er nicht grundlos, sondern zuverlässig das schon als geschehen betrachtet, was zweifellos geschehen wird. Was aber die Gottesgestalt betrifft, in welcher er dem Vater gleich ist, so möge, wenn wir nach dieser die Worte verstehen wollen: „Ich will, daß, wo ich bin, auch sie mit mir seien“, von unserem Geiste jeder Gedanke an materielle Bilder fernbleiben; alles, was dem Geiste vorschweben mag als lang, breit, dick, durch irgendein körperliches Licht gefärbt, über was immer für begrenzte oder unbegrenzte Räume hin ausgebreitet, von all dem soll er, soviel er kann, den Blick seiner Betrachtung oder Aufmerksamkeit abwenden. Und es soll nicht untersucht werden, wo der dem Vater gleiche Sohn ist, weil niemand findet, wo er nicht ist. Aber wer etwas suchen will, der suche vielmehr bei ihm zu sein, nicht überall wie jener, sondern überall, wo er sein kann. Denn der zu dem zur Strafe am Kreuze hängenden und heilsam bekennenden Menschen sagt: „Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein“4, ― sofern er Mensch war, sollte seine Seele am nämlichen Tage noch in der Unterwelt, sein Fleisch im Grabe sein; sofern er aber Gott war, war er natürlich auch im Paradiese. Und darum konnte die von den früheren Vergehen freigewordene und durch seine Gnade schon selige Seele des Schächers, obwohl sie nicht, wie er, überall sein konnte, doch noch am gleichen Tage bei ihm im Paradiese sein, von dem sich jener, der immer überall ist, sich nicht entfernt hatte. Deshalb war es ihm begreiflicherweise nicht genug zu sagen: „Ich will, daß, wo ich bin, auch sie seien“, sondern er fügte hinzu: „bei mir“. Bei ihm sein, ist ja ein großes Gut. [S. 1084] Denn auch die nicht selig sind, können sein, wo er ist, weil, wo immer jemand sein mag, da auch er ist; aber nur die Seligen sind bei ihm, weil sie nur durch ihn selig sein können. Oder wird nicht mit vollem Recht zu Gott gesagt: „Wenn ich in den Himmel hinaufsteige, bist Du dort; wenn ich in das Totenreich hinabsteige, bist Du dort“?5 Oder ist Christus nicht die Weisheit Gottes, welche „überall hinreicht wegen ihrer Reinheit“?6 Aber das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt7. Und darum ― um von einer sichtbaren, wiewohl sehr unähnlichen Sache ein wie immer beschaffenes Gleichnis herzunehmen ― wie der Blinde, wenn er auch dort ist, wo das Licht ist, doch selbst nicht beim Lichte ist, sondern abwesend von dem anwesenden (Lichte), so ist der Ungläubige und Gottlose oder auch der Gläubige und Fromme, jedoch zur Anschauung des Lichtes der Weisheit noch nicht Befähigte, wenn er auch nirgends sein kann, wo nicht auch Christus ist, dennoch nicht bei Christus, außer in der (seligen) Anschauung. Denn daß der Frommgläubige bei Christus ist durch den Glauben, kann nicht bezweifelt werden. Darum sagt er: „Wer nicht mit (bei) mir ist, der ist wider mich“8. Allein als er zu Gott dem Vater sprach: „Die Du mir gegeben hast, ― ich will, daß, wo ich bin, auch sie bei mir seien“, hat er jedenfalls von jener Anschauung gesprochen, in der wir ihn sehen werden, wie er ist9.

1: Röm. 1, 3.
2: Joh. 3, 13.
3: Eph. 2, 4―6.
4: Luk. 23, 43.
5: Ps. 138, 8 [hebr. Ps. 139, 8].
6: Weish. 7, 24.
7: Joh. 1, 5.
8: Matth. 12, 30.
9: 1 Joh. 3, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger