Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 110. Vortrag
3. Ferner, indem unser Heiland den Vater bittet, erwies er sich als Mensch; jetzt aber, wo er zeigen will, daß auch er selbst, weil er mit dem Vater Gott ist, das tue, um was er bittet, sagt er: "Und ich habe die Klarheit, die Du mir gegeben hast, ihnen gegeben". Welche Klarheit als die Unsterblichkeit, welche die menschliche Natur in ihm erhalten sollte? Denn auch er selbst hatte sie noch nicht empfangen, aber nach seiner Gewohnheit bezeichnet er wegen der Unveränderlichkeit der Vorherbestimmung mit Worten der vergangenen Zeit das Zukünftige, nämlich, daß er, der jetzt vom Vater verklärt, d.i. auferweckt werden soll, dereinst seinerseits uns zu dieser Verklärung auferwecken werde am Ende. Dies ist ähnlich dem, was er anderswo sagt: "Wie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will". Und "welche", wenn nicht dieselben wie der Vater? "Denn was immer" der Vater "tut", nicht anderes, sondern "dies tut auch der Sohn", auch nicht auf andere, sondern "auf die gleiche Weise tut er es"1 . Und darum hat er auch sich von selbst auferweckt. Denn dahin gehört, was er einmal sagt: "Reiße diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen"2 . Demnach muß er so verstanden werden, daß er die Klarheit der Unsterblichkeit, die er vom Vater erhalten zu haben versichert, sich auch selbst gegeben habe, obwohl er dies nicht ausdrücklich hervorhebt. Deshalb nämlich sagt er öfters nur, daß der Vater tue, was er selbst auch mit dem Vater tut, um es, was es immer ist, dem zuzuschreiben, von dem er ist. Indes manchmal sagt er auch unter Verschweigung des Vaters, daß er tue, was er mit dem Vater tut, damit wir erkennen, ebenso sei der Sohn nicht von der Tätigkeit des Vaters zu trennen, wenn er mit Verschweigung seiner Person sagt, daß der Vater etwas tue, wie auch der Vater nicht von der Tätigkeit des Sohnes getrennt wird, wenn mit Verschweigung seiner Person vom Sohne gesagt wird, daß er etwas tue, was sie nichtsdestoweniger gemeinschaftlich vollbringen. Wenn also der Sohn bei der Tätigkeit des Vaters seine eigene Wirksamkeit verschweigt, so prägt er uns seine Erniedrigung ein, um uns so mehr zum Heile zu dienen; wenn er aber hinwieder bei seiner Tätigkeit die Wirksamkeit des Vaters verschweigt, so prägt er uns seine Gleichheit [mit dem Vater] ein, um nicht für niedriger gehalten zu werden. Auf diese Weise also schließt er weder sich an dieser Stelle von der Tätigkeit des Vaters aus, obwohl er gesagt hat: "Die Klarheit, die Du mir gegeben hast", weil auch er selbst sie sich gegeben hat, noch schließt er den Vater von seiner Tätigkeit aus, obwohl er gesagt hat: "habe ich ihnen gegeben", weil auch der Vater sie ihnen gegeben hat. Denn untertrennlich sind die Werke nicht bloß des Vaters und des Sohnes, sondern auch des Heiligen Geistes. Wie er aber wollte, es solle dadurch, daß er den Vater für all die Seinigen bat, dies geschehen, "daß alle eins seien", so wollte er nichtsdestoweniger, es solle dies geschehen auch durch seine Wohltat, wovon er sagt: "Die Klarheit, die Du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben"; denn er fügte sogleich hinzu: "Damit sie eins seien, wie auch wir eins sind".
1: Joh 5,21.19 2: Joh 2,19
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