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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
109. Vortrag

2.

Es kann nun den Anschein haben, daß Jesus in diesem Gebete nicht für alle Seinigen gebetet habe, wenn wir seine Worte in demselben Gebete nicht sorgfältig betrachten. Denn wenn er, wie wir bereits dargetan, zuerst für jene betete, die damals bei ihm waren, nachher aber für jene, welche durch ihr Wort an ihn glauben würden, so kann man sagen, er habe nicht gebetet für jene, welche weder damals bei ihm waren, da er dies sprach, noch auch durch ihr Wort später, sondern entweder durch sie oder auf irgendeine andere Weise, jedoch schon vorher an ihn geglaubt hatten. Denn war etwa damals Nathanael bei ihm? Oder jener Joseph von Arimathäa, der seinen Leichnam von Pilatus begehrte, von dem eben dieser Johannes der Evangelist bezeugt, er sei bereits ein Jünger von ihm gewesen?1 Oder Maria, seine Mutter, und andere Frauen, von welchen wir im Evangelium erfahren, sie seien damals schon seine Jüngerinnen gewesen? Waren etwa damals bei ihm jene, von welchen derselbe Johannes der Evangelist wiederholt sagt: „Viele glaubten an ihn“?2 Denn wohin gehörte jene Menge derjenigen, die dem auf dem Lasttier Sitzenden mit Zweigen teils vorangingen, teils folgten und sagten: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“, und mit ihnen die Knaben, von welchen nach seinem eigenen Zeugnisse vorausgesagt war: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast Du Lob bereitet“?3 Wohin die fünfhundert Brüder, welchen er nach der Auferstehung nicht erschienen wäre4, wenn sie an ihn vorher nicht geglaubt hätten? Wohin jene hundertneun, welche mit den elf [S. 1066] hundertzwanzig ausmachten, als sie miteinander versammelt nach seiner Auffahrt den verheißenen Heiligen Geist erwarteten und empfingen?5 Wohin gehörten alle diese als eben zu jenen, von welchen es heißt: „Viele glaubten an ihn“? Also hat für sie der Heiland damals nicht gebetet, weil er für die betete, die damals bei ihm waren und für die anderen, welche durch ihr Wort nicht schon an ihn geglaubt hatten, sondern in der Zukunft an ihn glauben sollten. Die Genannten waren damals nicht bei ihm und hatten schon vorher an ihn geglaubt. Ich will nichts sagen von dem greisen Simeon, der an das Kind glaubte6; von der Prophetin Anna7, von Zacharias und Elisabeth, die über ihn schon vor seiner Geburt aus der Jungfrau weissagten8; von ihrem Sohne Johannes, seinem Vorläufer, dem Freunde des Bräutigams, der ihn auch im Heiligen Geiste erkannte und den Abwesenden verkündete und den Anwesenden andern zum Erkennen zeigte9 ― diese übergehe ich, weil man erwidern kann, es sei nicht notwendig gewesen, für solche Verstorbene zu beten, die mit großen Verdiensten von hier geschieden waren und aufgenommen der Ruhe sich erfreuten; denn dies wird ebenso betreffs der alten Gerechten erwidert. Denn wer von ihnen hätte von der Verdammung der Masse des Verderbens, das durch einen Menschen eingetreten ist, gerettet werden können, wenn er nicht an den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, der im Fleische kommen sollte, durch Erleuchtung des Heiligen Geistes geglaubt hätte? Aber brauchte er nur für die Apostel zu beten, und für so viele, die noch im Fleische waren und damals sich bei ihm nicht befanden und schon vorher geglaubt hatten, brauchte er nicht zu beten? Wer möchte das behaupten?

1: Joh. 19, 38.
2: Joh. 2, 23; 4, 39; 7, 31; 8, 30; 10, 42.
3: Matth. 21, 7. 16; Ps. 8, 3 [hebr. Ps. 8, 3].
4: 1 Kor. 15, 6.
5: Apg. 1, 15; 2, 4.
6: Luk. 2, 25 ff.
7: Luk. 2, 37 ff.
8: Luk. 1, 41―45; 67―69.
9: Joh. 1, 19―36; 3, 26―36.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger