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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
101. Vortrag

6.

Von diesem (Endziel) versteht man, wie ich glaube, auch das weiter oben Gesagte richtiger: „Noch eine kleine Weile, und ihr werdet mich nicht mehr sehen, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen“. Klein ist ja dieser ganze Zeitraum, in welchem die gegenwärtige Welt dahineilt. Daher sagt derselbe Evangelist in seinem Briefe: „Es ist die letzte Stunde“1. Deshalb nämlich hat er ja auch beigefügt: „Weil ich zum Vater gehe“, was auf den ersteren Satzteil zu beziehen ist, wo er sagt: „Eine kleine Weile, und ihr werdet mich nicht mehr sehen“, nicht auf den letzteren, wo er sagt: „Und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen“. Durch seinen Hingang zum Vater nämlich sollte es geschehen, daß sie ihn nicht mehr sähen. Und darum wurde es nicht deshalb gesagt, weil er im Begriffe war zu sterben und bis zu seiner Auferstehung ihrem Anblick sich zu entziehen, sondern weil er im Sinne hatte, zum Vater zu gehen, was er tat, als er nach der Auferstehung und einem vierzigtägigen Umgang mit ihnen in den Himmel auffuhr2. Zu jenen also sprach er: „Eine kleine Weile, und ihr werdet mich nicht mehr sehen“, die ihn damals körperlich sahen, da er zum Vater gehen wollte, und die ihn von jetzt an als sterblich nicht mehr sehen sollten, wie sie ihn sahen, als er dies sprach. Was er aber hinzufügte: „Und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen“, das verhieß [S. 1021] er der gesamten Kirche, wie er auch der gesamten Kirche verhieß: „Und siehe, ich bin bei euch bis zum Ende der Welt“3. Der Herr verzögert nicht seine Verheißung; eine kleine Weile und wir werden ihn sehen, wo wir dann um nichts mehr zu bitten, nichts mehr zu fragen brauchen, weil nichts mehr zu verlangen übrig bleiben, nichts mehr zu suchen verborgen sein wird. Diese kleine Weile erscheint uns lang, weil sie noch dauert; wenn sie vorüber sein wird, dann werden wir erkennen, wie klein sie war. Unsere Freude sei also nicht so, wie sie die Welt hat, von der es heißt: „Die Welt aber wird sich freuen“, und doch sollen wir bei diesem schmerzlichen Verlangen nicht ohne Freude sein, sondern, wie der Apostel sagt: „freudig in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal“4, weil ja auch die Gebärende, mit der wir verglichen werden, sich mehr freut über den kommenden Sprößling, als trauert über den gegenwärtigen Schmerz. Doch damit soll diese Rede enden; denn das Folgende enthält eine sehr schwierige Frage und soll nicht in eine kurze Darstellung eingezwängt werden, damit es, wenn der Herr es will, bequemer erklärt werden kann.

1: 1 Joh. 2, 18.
2: Apg. 1, 3. 9.
3: Matth. 28, 20.
4: Röm. 12, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger