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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
101. Vortrag

5.

Ich meine nämlich, die Worte: „Ich werde euch [S. 1019] wieder sehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird niemand von euch nehmen“, seien nicht auf jene Zeit zu beziehen, da er auferstand und sein Fleisch zum Sehen und Berühren zeigte1, sondern vielmehr auf jene, von welcher er schon gesagt hatte: „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde mich ihm offenbaren“2. Schon war er nämlich auferstanden, schon hatte er sich ihnen im Fleische gezeigt, schon saß er zur Rechten des Vaters, als eben derselbe Evangelist Johannes, von dem dieses Evangelium ist, dies in seinem Briefe sagte: „Geliebteste, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, daß, wenn es offenbar werden wird, wir ihm gleichen werden, weil wir ihn sehen werden wie er ist“3. Diese Anschauung gehört nicht dem gegenwärtigen, sondern dem zukünftigen Leben an, ist keine zeitliche, sondern eine ewige. „Dies aber ist das ewige Leben“, so sagt das Leben selbst, „daß sie Dich erkennen, den einen wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus“4. Von dieser Anschauung und Erkenntnis sagt der Apostel: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich teilweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt bin“5. Mit dieser Frucht all ihrer Mühen kreißt jetzt die Kirche in Sehnsucht, dann wird sie dieselbe gebären in der Anschauung; jetzt kreißt sie mit Seufzen, dann wird sie gebären in Fröhlichkeit; jetzt kreißt sie betend, dann wird sie gebären lobpreisend. Und darum eine männliche (Frucht), weil auf diese Frucht der Anschauung all unser pflichtgemäßes Handeln gerichtet ist. Sie allein ist frei, weil sie um ihrer selbst willen erstrebt wird und nicht auf etwas anderes bezogen wird. Ihr dient das Handeln, denn auf sie bezieht sich, was immer gut getan wird, weil es ihretwegen getan wird; sie selbst aber wird nicht um eines andern willen, sondern um [S. 1020] ihretwillen festgehalten und innegehabt. Dort ist demnach das Endziel, das uns genügt. Es wird also ewig sein; denn uns genügt kein Endziel, außer ein solches, das kein Ende hat. Dies war dem Philippus eingegeben worden, als er sprach: „Zeige uns den Vater, und es genügt uns“: Und in diesem Zeigen verhieß sich auch der Sohn, da er sagte: „Glaubst du nicht, daß ich im Vater und der Vater in mir ist?“6 Von dem also, was genügt, vernehmen wir richtig: „Eure Freude wird niemand von euch nehmen“.

1: Joh. 20, 27.
2: Joh. 14, 21.
3: 1 Joh. 3, 2.
4: Joh. 17, 3.
5: 1 Kor. 13, 12 f.
6: Joh. 14, 8. 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger