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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
99. Vortrag

4.

Und wundere dich nicht, daß das unaussprechliche Wissen Gottes, wodurch er alles weiß, nach den verschiedenen Ausdrucksweisen der menschlichen Sprache mit den Namen all jener körperlichen Sinne bezeichnet wird, da ja auch unser Geist, d. i. der innere Mensch, dem als einem einförmig wissenden durch die fünf Sinne wie durch Boten des Leibes Verschiedenartiges gemeldet wird, wenn er die unveränderliche Wahrheit erkennt, erwählt und liebt, sowohl das Licht sieht, von dem es heißt: „Im Anfange war das Wort“1, als auch den Geruch aufnimmt, von dem es heißt: „Wir wollen dem Geruche Deiner Salben nachgehen“2, als auch die Quelle trinkt, von der es heißt: „Bei Dir ist die Quelle des Lebens“3, als auch am Tastsinn sich erfreut, von dem es heißt: „Mir aber ist es gut, Gott anzuhangen“4, und doch wird durch so viele Namen der Sinn nicht immer wieder etwas anderes, sondern der eine Verstand ausgedrückt. Wenn es also vom Heiligen Geiste heißt: „Denn nicht wird er aus sich selbst reden, sondern was er immer hören wird, wird er reden“, so ist die Natur weit mehr dort, wo sie im vollsten Sinne einfach ist, als einfach aufzufassen oder zu glauben, da sie ja weit und hoch die Natur unseres Geistes überragt. Unser Geist ist nämlich veränderlich, er nimmt durch Lernen auf, was er nicht wußte, und verliert durch Verlernen, was er wußte, er wird durch den Schein des [S. 1005] Wahren getäuscht, so daß er statt des Wahren das Falsche annimmt und durch seine Dunkelheit wie durch Finsternisse gehindert wird, zum Wahren zu gelangen. Und darum ist diese Substanz nicht im vollsten Sinne einfach, da bei ihr das Sein nicht das ist, was das Erkennen ist, denn sie kann sein und gleichwohl nicht wissen. Aber jene göttliche Substanz kann das nicht, weil sie ist, was sie hat. Und darum hat sie nicht so das Wissen, daß für sie etwas anderes wäre das Wissen, wodurch sie weiß, etwas anderes die Wesenheit, wodurch sie ist, sondern beides ist ein und dasselbe. Und man darf auch nicht „beides“ sagen von dem, was schlechthin eins ist. „Wie der Vater das Leben in sich selbst hat“, und er nicht etwas anderes ist als das Leben, das in ihm ist, „so hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben in sich selbst zu haben“5, d. h. er hat den Sohn erzeugt, der selbst auch das Leben sein sollte. So also müssen wir nehmen, was vom Heiligen Geiste gesagt ist: „Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er immer hören wird, wird er reden“, daß wir dabei denken, er sei nicht von sich selbst. Der Vater ist nämlich allein von keinem andern. Denn sowohl der Sohn ist vom Vater geboren, als auch geht der Heilige Geist vom Vater aus, der Vater aber ist weder von einem andern geboren noch geht er aus. Und doch soll deshalb wahrlich nicht irgendwelche Ungleichheit in jener höchsten Trinität dem menschlichen Denken beifallen; denn sowohl der Sohn ist dem, von welchem er geboren ist, als auch der Heilige Geist dem, aus welchem er hervorgeht, gleich. Was aber daselbst für ein Unterschied sei zwischen hervorgehen und geboren werden, wäre zu lang, um es durch eine Untersuchung darzulegen, und zu verwegen, um es nach einer Darlegung fest zu bestimmen, weil dies sowohl für den Verstand irgendwie zu begreifen, als auch für die Zunge, wenn auch vielleicht der Verstand davon etwas begriffen hat, zu erklären sehr schwierig ist, mag der Lehrer noch so tüchtig sein, der vorsteht, und der Hörer noch so tüchtig sein, der da ist. Also „er wird nicht von sich selbst reden“, [S. 1006] weil er nicht von sich selbst ist, „sondern was er immer hören wird, wird er reden“; von jenem wird er es hören, aus dem er hervorgeht. Hören ist für ihn Wissen, Wissen aber Sein, wie früher auseinandergesetzt wurde. Weil er also nicht von sich selbst ist, sondern von demjenigen, von welchem er ausgeht, so hat er von dem das Wissen, von dem er das Sein hat; von diesem also das Hören, was nichts anderes ist als das Wissen.

1: Joh. 1, 9. 1.
2: Hohesl. 1, 3.
3: Ps. 35, 10 [hebr. Ps. 36, 10].
4: Ps. 72, 28 [hebr. Ps. 73, 28].
5: Joh. 5, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger