Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 97. Vortrag
2. Demgemäß, wie ich schon in der vorigen Rede ermahnt habe, hütet euch, besonders ihr, die ihr Kinder seid und noch der Nahrung bedürfet, daß ihr nicht Menschen, die unter diesem Vorwande Betrogene und Betrüger sind, weil der Herr sagt: "Ich habe euch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen", ein neugieriges Ohr leihet zur Erfahrung von unbekannten Dingen, da ihr einen schwachen Geist besitzet zur Unterscheidung des Wahren und Falschen, besonders sollt ihr euch hüten wegen der gemeinen Schändlichkeiten, welche der Satan die unbeständigen und fleischlichen Seelen gelehrt hat, indem Gott es zu dem Zwecke zuläßt, damit seine schrecklichen Gerichte überall seien und im Vergleich mit der schamlosen Sittenlosigkeit die unbefleckte Reinheit hervortrete, und damit ihm die Ehre, sich aber die Furcht oder Schande gebe, wer in jene Übel durch seine Leitung nicht gefallen oder durch seine Hilfeleistung daraus sich erhoben hat. Hütet euch fürchtend und betend, damit ihr nicht in jenen Ausspruch Salomos geratet, wo ein "tötichtes und freches, brotlos gewordenes Weib" die Vorübergehenden mit den Worten anruft: "Heimliche Brote berühret gerne, und die Süßigkeit gestohlenen Wassers"1 . Dieses Weib ist nämlich die Eitelkeit der Gottlosen, die, obwohl sie sehr töricht sind, etwas zu wissen meinen, wie es von jenem Weibe heißt: "brotlos geworden". Sie ist zwar brotlos, verspricht aber Brote, d.h. obwohl sie die Wahrheit nicht kennt, verspricht sie Erkenntnis der Wahrheit. Sie verspricht jedoch heimliche Brote, von denen sie sagt, man berühre sie gern, sowie die Süßigkeit gestohlenen Wassers, damit man nämlich lieber und freudiger das höre und tue, was öffentlich in der Kirche zu sagen und zu glauben verboten wird. Gerade durch die Geheimhaltung nämlich würzen gewissermaßen die schändlichen Leher ihr Gift für die Neugierigen, damit sie so meinen, etwas Bedeutendes zu erfahren, weil es Geheimhaltung verdient, und damit sie angenehmer die Torheit hinunterschlucken, die sie für Weisheit halten, deren verbotene Anhörung sie gewissermaßen stehlen.
1: Spr 9,13-17
|