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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
93. Vortrag

3.

Endlich, als er ihnen dies gesagt hatte, fügte er bei: „Aber es kommt die Stunde, daß jeder, der euch tötet, Gott einen Dienst zu erweisen meint, und das werden sie euch tun, weil sie weder den Vater noch mich kennen“. Das heißt, sie erkennen weder Gott noch seinen Sohn, dem sie durch eure Tötung einen Dienst zu erweisen meinen. Diese Worte hat der Herr so beigefügt, als würde er damit die Seinigen trösten, die aus den Synagogen gestoßen werden sollten. Indem er nämlich ankündigte, welche Übel sie um seines Zeugnisses willen erdulden würden, sagt er: „Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen“. Er sagt nicht: Und es kommt die Stunde, daß jeder, der euch tötet, Gott einen Dienst zu erweisen meint. Was also sagt er: „Aber es kommt die Stunde“, wie er sagen würde, wenn er nach jenen Übeln etwas Gutes voraussagen wollte. Was bedeutet also: „Sie werden euch aus den Synagogen stoßen, aber es kommt die Stunde“? Gleich als hätte er sagen wollen: Jene werden euch zwar absondern, aber ich werde euch sammeln, oder: Sie werden euch zwar absondern, aber es kommt die Stunde eurer Freude. Was also tut hier das Wort, das er gebraucht: „Aber es kommt die Stunde“, gleich als verspräche er ihnen Trost nach der Trübsal, da es doch den Anschein hat, er hätte mehr in indikativer Form sagen sollen: Und es kommt die Stunde? Allein er sagt nicht: Und sie kommt, obwohl er ihnen Trübsal über Trübsal, nicht Trost nach Trübsal als ihnen bevorstehend voraussagte. Oder sollte sie vielleicht jene Absonderung von den Synagogen so betrüben, daß sie lieber sterben als in diesem Leben ohne die Versammlung der Juden sein wollten? Es sei ferne, daß sie sich so betrübten, sie, die bei Gott, nicht bei den Menschen Ehre suchten. Was heißt also: „Sie werden euch aus den Synagogen stoßen, [S. 962] aber es kommt die Stunde“, da er doch, wie es scheint, vielmehr hätte sagen sollen: Und es kommt die Stunde, „daß jeder, der euch tötet, Gott einen Dienst zu erweisen meint“? Denn es heißt auch nicht wenigstens: Aber es kommt die Stunde, daß sie euch töten, gleichsam als ob ihnen der Tod wie ein Trost wegen jener Absonderung zustoßen sollte, sondern: „Es kommt“, sagt er, „die Stunde, daß jeder, der euch tötet, Gott einen Dienst zu erweisen meint“. Fürwahr, mir scheint, er habe nichts anderes andeuten wollen, als daß sie einsehen und sich freuen sollten, daß sie, wenn sie aus den Versammlungen der Juden verstoßen würden, so viele für Christus gewinnen würden, daß sich jene nicht damit begnügen würden, sie auszustoßen, sondern sie auch nicht am Leben lassen würden, damit sie nicht durch ihre Predigt alle zum Namen Christi bekehren und von der Beobachtung des Judaismus als einer göttlichen Wahrheit abwenden möchten. Denn dies müssen wir als eine auf die Juden gehende Äußerung verstehen, von welchen er gesagt hatte: „Sie werden euch aus den Synagogen stoßen“. Denn wenn auch die Zeugen, d. i. die Märtyrer Christi, von den Heiden getötet wurden, so haben diese doch nicht Gott, sondern ihren falschen Göttern einen Dienst zu erweisen gemeint, da sie dies taten. Von den Juden aber meinte jeder, der die Prediger Christi tötete, Gott einen Dienst zu erweisen, in dem Glauben, daß alle den Gott Israels verließen, welche sich zu Christus bekehrten. Denn auch um Christus selbst zu töten, ließen sie sich von dem gleichen Grunde leiten; es sind ja hierüber sogar ihre Worte aufgezeichnet worden: „Ihr seht, die ganze Welt läuft ihm nach“1; „wenn wir ihn am Leben lassen, werden die Römer kommen und unser Land und Volk wegnehmen“2; und was Kaiphas gesagt hat: „Es ist besser, daß ein Mensch sterbe für das Volk, und nicht das ganze Geschlecht zugrunde gehe“3. Und in dieser Rede also richtete er seine Jünger durch sein Beispiel auf, zu denen er gesagt [S. 963] hatte: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“4; nämlich wie sie durch seine Tötung Gott einen Dienst erwiesen zu haben glaubten, so auch durch ihre Tötung.

1: Joh. 12, 19.
2: Joh. 11, 48.
3: Joh. 11, 50.
4: Joh. 15, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger