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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
92. Vortrag

2.

"Auch ihr", sagt er, "werdet Zeugnis geben, weil ihr von Anfang bei mir seid". Der Heilige Geist wird Zeugnis geben, auch ihr werdet Zeugnis geben. Denn weil ihr von Anfang bei mir seid, könnt ihr verkünden, was ihr wißt. Daß ihr das jetzt nicht tut, kommt daher, daß ihr noch nicht die Fülle jenes Geistes besitzt. "Jener also wird Zeugnis von mir geben, und ihr werdet Zeugnis geben"; denn die nötige Zuversicht, Zeugnis abzulegen, wird euch die Liebe Gottes verleihen, die ausgegossen wird in eure Herzen durch den Heiligen Geist, der euch gegeben werden soll1 . Diese Liebe freilich hat dem Petrus noch gefehlt, als er durch die Frage der Frau, einer Magd, in Verwirrung gebracht, kein wahres Zeugnis abzulegen vermochte, sondern entgegen seiner Versicherung aus großer Furcht zu einer dreimaligen Verleugnung getrieben wurde2 . Diese Furcht aber ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus3 . Kurz vor dem Leiden des Herrn wurde seine knechtische Furcht von einem im Dienste stehenden Weibe gefragt, nach der Auferstehung des Herrn aber seine freigesinnte Liebe vom Fürsten der Freiheit selbst4 , und darum wurde er dort verwirrt, hier beruhigt; dort verleugnete er den, welchen er geliebt hatte, hier liebte er den, welchen er verleugnet hatte. Aber auch damals war seine Liebe noch schwach und eng, bis sie der Heilige Geist stärkte und erweiterte. Dieser hat dann, nachdem er ihm durch die Fülle einer reichlicheren Gnade eingegossen worden war, sein früher kaltes Herz so zum Zeugnis für Christus entzündet und jenen ängstlichen Mund, der die Wahrheit unterdrückt hatte, aufgeschlossen, daß er, als alle, auf die der Heilige Geist herabgekommen war, in den Sprachen aller Völker redeten, in Gegenwart der Judenscharen ganz allein vor den übrigen als Zeuge für Christus mutig auftrat und seine Mörder im Hinblick auf dessen Auferstehung beschämt machte. Wenn es einem Freude macht, ein so lieblich heiliges Schauspiel anzusehen, so lese er die Apostelgeschichte5 ; da mag er den heiligen Petrus, dessen Verleugnung er bedauert hatte, als Prediger bewundern; da sehe er, wie jene Zunge, die nunmehr von der Mutlosigkeit zur Entschlossenheit und von der Knechtschaft zur Freiheit übergegangen ist, so viele Zungen der Feinde zum Bekenntnis Christi bekehrt, jene Zunge, die vorher nicht imstande war, eine einzige zu ertragen, und darum zur Verleugnung gekommen war. Was weiter? Es zeigte sich ein solcher Glanz der Gnade, eine solche Fülle des Heiligen Geistes, es kamen aus dem Munde des Predigers so inhaltsschwere Worte kostbarer Wahrheit, daß er Feinde, Mörder Christi, Juden in ungeheurer Zahl dahin brachte, für ihn zu sterben, sie, von welchen er mit ihm getötet zu werden gefürchtet hatte. Dies bewirkte der Heilige Geist, damals gesandt, vorher verheißen. Diese seine großen und bewundernswerten Gaben sah der Herr voraus, als er sprach: "Sie haben gesehen und mich und meinen Vater gehaßt, damit erfüllt würde das Wort, das in ihrem Gesetze geschrieben steht: Sie haben mich ohne Grund gehaßt. Wenn aber der Tröster kommt, den ich euch vom Vater senden werde, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dieser wird Zeugnis von mir geben, und ihr werdet Zeugnis geben". Indem nämlich jener Zeugnis gab und mutige Zeugen erweckte, benahm er den Freunden Christi die Furcht und verwandelte den Haß der Feinde in Liebe.

1: Röm 5,5
2: Mt 26,69-74
3: 1 Joh 4,18
4: Joh 21,15
5: Apg 25

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger