Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 90. Vortrag
3. Infolge dieser Finsternisse der menschlichen Herzen aber tritt etwas ein, was sehr zu verwundern und sehr zu bedauern ist, daß wir nämlich bisweilen einen, den wir für ungerecht halten und er ist doch gerecht, und wir lieben in ihm die Gerechtigkeit, ohne es zu wissen, meiden, ihm aus dem Wege gehen, ihm den Zutritt zu uns verweigern, Leben und Nahrung mit ihm nicht gemein haben wollen und ihn sogar, wenn die Verhängung einer Strafe notwendig erscheint, sei es, damit er andern nicht schade oder damit er selbst sich bessere, mit heilsamer Strenge verfolgen und so einen guten Menschen, als wäre er bös, betrüben, den wir, ohne es zu wissen, lieben. Dies geschieht z.B. wenn einer, obwohl er keusch ist, von uns für unkeusch angesehen wird. Ohne Zweifel ist, wenn ich den Keuschen liebe, gerade er das, was ich liebe; also liebe ich auch ihn und weiß es nicht. Und wenn ich einen Unkeuschen hasse, so hasse ich also nicht ihn, weil er nicht ist, was ich hasse; und doch tue ich dem von mir Geliebten, mit dem meine Seele immer in der Liebe der Keuschheit zusammenwohnt, unwissend ein Unrecht an, indem ich zwar nicht irre in der Unterscheidung der Tugenden und Laster, aber in den Finsternissen der menschlichen Herzen. Wie es demnach möglich ist, daß ein guter Mensch einen guten Menschen unwissend haßt oder vielmehr unwissend liebt1 , daß er aber unwissend nicht ihn, sondern das, wofür er ihn hält, haßt; so ist es möglich, daß auch ein ungerechter Mensch einen gerechten Menschen haßt und, während er glaubt, einen ihm gleichen Ungerechten zu lieben, unwissend einen Gerechten liebt, und doch, indem er ihn für einen Ungerechten hält, nicht ihn liebt, sondern das, wofür er ihn hält. Wie aber einen Menschen, so auch Gott. Kurz also, wenn die Juden gefragt würden, ob sie Gott liebten, was anderes würden sie antworten, als daß sie ihn liebten, und zwar nicht in absichtlicher Lüge, sondern vielmehr in einer falschen Meinung? Denn wie sollten sie den Vater der Wahrheit lieben, sie, welche die Wahrheit haßten? Sie wollen ja nicht, daß ihre Taten verdammt werden, und doch kommt es der Wahrheit zu, solche Taten zu verdammen. So sehr also hassen sie die Wahrheit, als sie ihre Strafen hassen, welche die Wahrheit solchen auferlegt. Sie wissen aber nicht, daß dies die Wahrheit ist, welche Leute von ihrer Beschaffenheit verdammt; sie hassen also die Wahrheit, die sie nicht kennen; und indem sie dieselbe hassen, können sie fürwahr auch den, von dem sie stammt, nur hassen. Und folglich, weil sie die Wahrheit, durch deren Urteil sie verdammt werden, die von Gott dem Vater stammende Wahrheit, nicht kennen, kennen sie zweifellos auch ihn nicht und hassen ihn doch. O unglückselige Menschen, die, indem sie böse sein wollen, nicht wollen, daß die Wahrheit existiere, durch welche die Bösen verurteilt werden. Sie wollen nämlich nicht, daß sie sei, was sie ist, während sie doch nicht wollen sollten, daß sie das seien, was sie in Wirklichkeit sind, auf daß sie, während jene bleibt, sich ändern, damit sie nicht durch ihre Richterurteile, verdammt werden.
1: denn ihn liebt er, wenn er das Gute liebt, weil er das liebt, was jener ist
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