Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 85. Vortrag
3. Suchen wir zu verstehen, Brüder, suchen wir zu verstehen, und der Herr bewirke in uns, daß wir es verstehen, er bewirke auch, daß wir das Verstandene tun. Wenn wir aber das Wissen, dann wissen wir fürwahr, was der Herr tut, weil uns zu solchen nur der Herr macht und wir dadurch zu seinen Freunden gehören. Denn wie es zwei Arten von Furcht gibt, welche eine doppelte Klasse von Fürchtenden erzeugen, so gibt es zwei Arten von Knechtschaft, welche eine doppelte Klasse von Knechten erzeugen. Es gibt eine Furcht, welche von der vollkommenen Liebe ausgetrieben wird1 , und es gibt eine andere, keusche Furcht, die da bleibt in Ewigkeit2 . Jene Furcht, die nicht in der Liebe ist, hatte der Apostel im Auge, indem er sagte: "Ihr habt ja nicht den Geist der Knechtschaft empfangen abermals in Furcht"3 . Jene keusche Furcht aber hatte er im Auge, da er sagte: "Sei nicht übermütig, sondern fürchte"4 . In jener Furcht, welche durch die Liebe ausgetrieben wird, ist auch die Knechtschaft zugleich mit der Furcht auszutreiben; denn beides verband der Apostel, nämlich die Knechtschaft und die Furcht, indem er sprach; "Ihr habt ja nicht den Geist der Knechtschaft empfangen abermals in Furcht". Den zu dieser Knechtschaft gehörenden Knecht hatte auch der Herr im Auge, da er sprach: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut". Ganz gewiß nicht der die heilige Furcht pflegende Knecht, zu dem gesagt wird: "Wohlan, du guter Knecht, weil du über weniges getreu gewesen bist, will ich dich über vieles setzen; geh ein in die Freude deines Herrn", sondern der jene Furcht, welche von der Liebe ausgetrieben wird, pflegende Knecht, von dem er anderswo sagt: "Der Knecht bleibt nicht im Hause auf ewig, der Sohn aber bleibt auf ewig"5 . Weil er uns also die Macht gegeben hat, Kinder Gottes zu werden, so sollen wir nicht Knechte, sondern Söhne sein, damit wir auf eine Art wunderbare und unaussprechliche, aber doch wahre Weise Knechte, die nicht Knechte sind, sein können; Knechte nämlich in heiliger Furcht, welche der Knecht pflegt, der in die Freude seines Herrn eingeht, nicht aber Knechte in der Furcht, die ausgetrieben werden soll, welche jener Knecht pflegt, der im Hause nicht auf ewig bleibt. Daß wir aber solche Knechte seien, die nicht Knechte sind, das, müssen wir wissen, tut der Herr. Das weiß aber jener Knecht nicht, der nicht weiß, was sein Herr tut, und wenn er etwas Gutes tut, sich so erhebt, als würde er selbst es tun, nicht sein Herr und daher in sich, nicht im Herrn sich rühmt, da er doch sich selbst täuscht, indem er sich so rühmt, als habe er es nicht empfangen6 . Wir aber Teuerste, sollen, damit wir Freunde des Herrn sein können, wissen, was unser Herr tut. Denn nicht bloß zu Menschen, sondern auch zu Gerechten macht er uns, nicht wir uns selbst. Und daß wir das wissen, wer bewirkt das, wenn nicht er? Denn "wir haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt wurde"7 . Von ihm wird alles Gute geschenkt. Weil also auch dies gut ist, wird es gewiß von ihm geschenkt, damit man weiß, von wem alles Gute geschenkt wird, auf daß, wer sich rühmt, durchaus wegen alles Guten im Herrn sich rühme8 . Was nun folgt: "Euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich vom Vater gehört habe, euch kundgetan habe", ist so tief, daß esa auf keine Weise noch in dieser Rede behandelt, sondern für eine andere aufgehoben werden soll.
1: 1 Joh 4,18 2: Ps 18,10 3: Röm 8,15 4: Röm 11,20 5: Joh 8,35 6: 1 Kor 4,7 7: 1 Kor 2,12 8: 1 Kor 1,31
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