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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
84. Vortrag

2.

Dies soll aber nicht bedeuten, als ob wir deshalb Christus gleich sein könnten, wenn wir das Bekenntnis für ihn bis zum Blute fortführen. Er hatte die Macht, sein Leben hinzugeben und es wieder zu nehmen1, wir aber leben nicht so lange, als wir wollen, und sterben, auch wenn wir nicht wollen; er hat sterbend sogleich den Tod in sich getötet, wir werden durch seinen Tod vom Tode befreit; sein Fleisch hat die Verwesung nicht geschaut2, das unserige wird nach der Verwesung am Ende der Welt durch ihn die Unverweslichkeit anziehen; er hat unser nicht bedurft, um uns selig zu machen, wir können ohne ihn nichts tun; er hat sich uns, den Reben, als Weinstock gegeben, wir können ohne ihn das Leben nicht haben. Endlich wenn auch Brüder für Brüder sterben, so wird doch keines Märtyrers Blut zur Vergebung der Sünden der Brüder vergossen, was er für uns getan hat, und hierin hat er uns nicht etwas erwiesen, was wir nachahmen, sondern wozu wir uns Glück wünschen sollen. Sofern also die Märtyrer für die Brüder ihr Blut vergossen haben, haben sie solches getan, [S. 923] was sie vom Tische des Herrn empfingen3. Denn in dem übrigen, wovon ich gesprochen, obwohl ich nicht einmal alles sagen konnte, ist der Märtyrer Christi sehr ungleich mit Christus. Wenn sich darum jemand, ich will nicht sagen mit der Macht, aber doch mit der Sündelosigkeit Christi vergleichen möchte, in der Meinung, er könne zwar nicht fremde Sünden heilen, er sei aber doch selbst ohne Sünde, auch so ist er gieriger, als es die Rücksicht auf sein Heil verlangt, es ist zu viel für ihn, er faßt nicht soviel. Und sehr gut wird in der erwähnten Sentenz der Sprichwörter gewarnt, indem sie sogleich fortfährt und sagt: „Wenn du daher zu gierig bist, laß dich nicht nach seinen Speisen gelüsten; denn besser nimmst du nichts davon, als daß du dir mehr, als notwendig, ist, nimmst. Denn diese Dinge“, sagt er, „enthalten täuschendes Leben“4, d. h. Verstellung. Indem er nämlich sich für sündelos erklärt, kann er keinen Gerechten darstellen, sondern bloß erdichten. Darum heißt es: „Denn diese Dinge haben täuschendes Leben“. Nur einen einzigen gibt es, dem es möglich war, sowohl das Fleisch des Menschen zu haben als auch ohne Sünde zu sein. Mit Recht wird uns, was noch folgt, befohlen, und durch dieses Kern- und Sprichwort wird die menschliche Schwachheit getroffen und zu ihr gesagt: „Wende dich nicht, da du arm bist, gegen den Reichen“. Reich nämlich ist der, welcher niemals weder mit einer ererbten noch mit einer eigenen Schuld behaftet, selbst gerecht ist und andere rechtfertigt ― Christus. Wende dich nicht gegen ihn, der du so arm bist, daß du im Gebete täglich als Bettler um Vergebung der Sünden erscheinst. „Sei klug“, sagt er, „und enthalte dich“. Wovon, als von trügerischem Selbstvertrauen? Denn er ist, weil er nicht bloß Mensch, sondern auch Gott ist, deshalb niemals schuldbeladen. „Wenn du dein Auge auf ihn richtest, wird er nirgends erscheinen“. „Wenn du dein Auge“, das menschliche Auge nämlich, [S. 924] womit du das Menschliche siehst, „auf ihn richtest, wird er nirgends erscheinen“, weil er nicht gesehen werden kann, wie du zu sehen vermagst. „Denn er wird sich Flügel wie die eines Adlers bereiten und in das Haus seines Vorgesetzten gehen“; dahin jedenfalls, von wo er zu uns kam, ohne solche zu finden, wie er selbst gekommen war. Laßt uns also einander lieben, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat5; „denn eine größere Liebe hat niemand als diese, daß er sein Leben hingibt für seine Freunde“. Ihn laßt uns so nachahmen durch frommen Gehorsam, daß wir uns durch keine Anmaßung herausnehmen, uns mit ihm zu vergleichen.

1: Joh. 10, 18.
2: Apg. 2, 31.
3: Hier folgt in 6 Hss. noch: „Den Sterbenden konnte jemand nachahmen, den Erlösenden aber niemand“. In 3 Hss. steht diese Zugabe erst nach dem folgenden Satze.
4: Spr. 23, 3 f.
5: Gal. 2, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger