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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
83. Vortrag

3.

Wenn er aber hier so sich ausdrückte: „Dies ist mein Gebot“, als ob es sonst kein anderes gebe, was halten wir davon, meine Brüder? Ist dies etwas sein einziges Gebot über diese Liebe, womit wir einander lieben? Gibt es nicht noch ein anderes, größeres Gebot, daß wir Gott lieben? Oder aber hat uns Gott nur über die Liebe ein Gebot gegeben, so daß wir nach anderen nicht zu fragen brauchen? Drei Dinge schärft jedoch der Apostel ein, indem er sagt: „Es bleiben aber Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; das Größte aber von diesen ist die Liebe“1. Und wenn auch in der Liebe jene zwei anderen Gebote eingeschlossen sind, so heißt es von ihr doch nur, sie sei das „Größte“, nicht das Einzige. Wie vieles ist uns in Betreff des Glaubens geboten, wie vieles in Betreff der Hoffnung, wer kann alles zusammenstellen, wer vollständig aufzählen? Aber sehen wir zu, was derselbe Apostel sagt: „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung“2. Wo also die Liebe ist, was kann da noch fehlen? Wo sie aber nicht ist, was kann da nützen? Der Teufel glaubt3, aber er liebt nicht; niemand liebt, der nicht glaubt. Vergebens zwar, aber es kann doch Verzeihung hoffen, wer nicht liebt; niemand aber kann verzweifeln, der liebt. Wo darum die Liebe ist, da ist notwendig der Glaube und die Hoffnung, und wo die Liebe des Nächsten ist, da ist notwendig auch die Liebe Gottes. Denn wer Gott nicht liebt, wie soll der den Nächsten lieben wie sich selbst, da er nicht einmal sich selbst liebt? Er ist ja gottlos und ungerecht; wer aber die Ungerechtigkeit liebt, der liebt seine Seele offenbar nicht, sondern haßt sie4. Dieses Gebot des Herrn also laßt uns festhalten, daß wir einander lieben, und wir werden, was immer er sonst noch befohlen hat, tun, weil [S. 920] wir damit alles übrige haben. Es unterscheidet sich ja diese Liebe von jener, womit die Menschen einander lieben als Menschen; denn, um sie zu unterscheiden, ist beigefügt: „Wie ich euch geliebt habe“. Wozu denn liebt uns Christus, außer damit wir mit Christus herrschen können? So also wollen auch wir einander lieben, daß wir unsere Liebe unterscheiden von den übrigen, die nicht in dieser Absicht einander lieben, weil sie überhaupt nicht lieben. Die sich aber, um Gott zu besitzen, lieben, die lieben sich; also um sich zu lieben, lieben sie Gott. Diese Liebe ist nicht in allen Menschen; wenige lieben sich deshalb, damit „Gott alles in allem sei“5.

1: 1 Kor. 13, 13.
2: Röm. 13, 10.
3: Jak. 2, 19.
4: Ps. 10, 6 [= Vulg.; Sept. Ps. 10, 5; hebr. Ps. 11, 5].
5: 1 Kor. 15, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger