Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 82. Vortrag
4. Aber was bedeutet das, was er noch beifügt: "Wie auch ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe"? Gewiß wollte er auch hier jene Liebe des Vaters verstanden wissen, womit ihn der Vater liebt. So nämlich hatte er gesagt: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt", und diesen Worten fügte er die andern bei: "Bleibet in meiner Liebe", in jener ohne Zweifel, womit ich euch geliebt habe. Also ist auch, was er vom Vater sagt: "Ich bleibe in seiner Liebe", von jener Liebe zu verstehen, womit ihn der Vater geliebt hat. Aber muß man auch hier die Gnade verstehen, womit der Vater den Sohn liebt, wie es Gnade ist, womit uns der Sohn liebt, da wir Söhne sind durch die Gnade, nicht von Natur, der Eingeborene aber von Natur, nicht aus Gnade? Oder muß man dies auch beim Sohne auf den Menschen beziehen? Ja, gewiß. Denn wenn er sagt: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt", weist er auf die Gnade des Mittlers hin. Mittler aber zwischen Gott und den Menschen ist Christus Jesus nicht, sofern er Gott, sondern sofern er Mensch ist. Und in der Tat, sofern er Mensch ist, heißt es von ihm: "Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen"1 . Insofern also können wir mit Recht sagen, daß, obwohl die menschliche Natur nicht zur Natur Gottes gehört, die menschliche Natur dennoch durch die Gnade zur Person des eingeborenen Sohnes gehört, und zwar durch eine so große Gnade, daß es keine größere gibt, keine ihr gleich ist. Denn es sind jene Annahme des Menschen keine Verdienste vorausgegangen, sondern mit jener Annahme haben alle seine Verdienste erst angefangen. Der Sohn bleibt also in der Liebe, womit ihn der Vater geliebt hat, und darum hat er seine Gebote gehalten. Denn was ist auch jener Mensch, außer daß Gott ihn angenommen hat?2 . Denn Gott war das Wort, der dem Erzeuger gleichewige Eingeborene, aber damit uns ein Mittler gegeben werden könnte, ist das Wort durch eine unaussprechliche Gnade Mensch geworden und hat unter uns gewohnt3 .
1: Lk 2,52 2: Ps 3,4 3: Joh 1,1.14
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