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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
81. Vortrag

4.

"Wenn ihr in mir bleibt", sagt er, "und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr, um was ihr immer wollt, bitten, und es wird euch zuteil werden". Indem sie nämlich in Christus bleiben, was können sie wollen, außer was für Christus angemessen ist? Was können sie wollen, wenn sie im Heiland bleiben, außer was mit dem Heile übereinstimmt? Etwas anderes nämlich wollen wir, weil wir in Christus sind, und etwas anderes wollen wir, weil wir noch in dieser Welt sind. Denn wegen des Weilens in dieser Welt beschleicht es uns manchmal, daß wir um das bitten, was uns, ohne daß wir es einsehen, nicht zum Nutzen ist. Aber ferne sei es, daß es uns zuteil werde, wofern wir in Christus bleiben, der, wenn wir bitten, nur tut, was uns nützlich ist. Wenn wir also in ihm bleiben und seine Worte in uns bleiben, so werden wir, um was wir immer wollen, bitten, und es wird uns zuteil werden. Denn wenn wir bitten, und es wird uns nicht zuteil, dann bitten wir nicht um das, was das Bleiben in ihm verlangt, noch um das, was seine Worte, die in uns bleiben, verlangen, sondern das, was die Begierlichkeit und Schwachheit des Fleisches verlangt, die nicht in ihm ist und in der seine Worte nicht bleiben. Denn fürwahr auf seine Worte bezieht sich jenes von ihm gelehrte Gebet, wo wir sagen: "Vater unser, der Du bist in dem Himmel"1 . Von den Worten und Gedanken dieses Gebetes wollen wir uns nicht entfernen in unsern Gebeten, und alles, um was wir bitten, wird uns zuteil werden. Dann nämlich muß gesagt werden, daß seine Worte in uns bleiben, wenn wir tun, was er befohlen, und lieben was er versprochen hat; wenn aber seine Worte bloß im Gedächtnis haften und im Leben sich nicht zeigen, dann wird die Rebe nicht zum Weinstock gerechnet, weil sie kein Leben aus der Wurzel zieht. Auf diesen Unterschied bezieht sich, was geschrieben steht; "Denen, die seine Gebote im Gedächtnis behalten, um sie zu tun"2 . Denn viele behalten sie im Gedächtnis, um sie zu verachten oder sogar sie zu verlachen und zu bekämpfen. In diesen bleiben die Worte Christi nicht, die sie gewissermaßen nur berühren, nicht an ihnen hängen, und darum werden sie für sie nicht zum Segen, sondern bloß zum Zeugnis [gegen sie] sein. Und weil sie ihnen so einwohnen, daß sie in ihnen nicht bleiben, werden sie von ihnen dazu festgehalten, daß sie nach ihnen gerichtet werden.

1: Mt 6,9
2: Ps 102,18

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger