Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 79. Vortrag
2. Was sagt er dann weiter? "Ich werde nun nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommt der Fürst dieser Welt" wer sonst als der Teufel? "und an mir hat er nichts", nämlich durchaus keine Sünde. So nämlich stellt er den Teufel dar nicht als Fürsten der Geschöpfe, sondern der Sünder, die er jetzt mit dem Ausdruck "diese Welt" bezeichnet. Und so oft der Name "Welt" in schlimmer Bedeutung gebraucht wird, weist er nur auf die Liebhaber dieser Welt hin, von denen anderswo geschrieben steht: "Wer ein Freund dieser Welt sein will, wird sich als Feind Gottes erweisen"1 . Es sei also ferne, daß man den Teufel in dem Sinne als Fürsten der Welt betrachte, als würde er die Herrschaft führen über die ganze Welt, d.h. über Himmel und Erde und über alles, was in ihnen ist, jene Welt, von welcher es dort, wo von Christus dem Worte die Rede ist, heißt: "Und die Welt ist durch ihn gemacht worden"2 . Die ganze Welt also vom obersten Himmel bis tief zur Erde ist dem Schöpfer unterworfen, nicht dem Abtrünnigen, dem Erlöser, nicht dem See¬lenmörder, dem Befreier, nicht dem Gefangennehmer, dem Lehrer, nicht dem Betrüger. Inwiefern man aber den Teufel als Fürsten der Welt zu verstehen habe, hat deutlicher der Apostel Paulus erklärt, der zuerst sagt: "Wir haben nicht zu kämpfen gegen Fleisch und Blut", d.h. gegen die Menschen, dann aber beifügt und sagt: "sondern gegen die Fürsten und Mächte und Herrscher der Welt dieser Finsternisse"3 . Durch das folgende Wort nämlich erklärte er den Ausdruck "Welt", indem er beifügte: "dieser Finsternisse", damit niemand unter dem Namen "Welt" die gesamte Schöpfung verstehe, deren Herrscher keineswegs die abtrünnigen Engel sind. "Dieser Finsternisse", sagt er, d.h. der Liebhaber dieser Welt; aus diesen sind jedoch diejenigen auserwählt, nicht durch ihr Verdienst, sondern durch die Gnade Gottes, zu welchen er sagt: "Denn einst waret ihr Finsternis, jetzt aber Licht im Herrn"4 . Alle waren ja unter den Herrschern dieser Finsternisse, d.h. der gottlosen Menschen, gleichsam Finsternisse unter Finsternissen, aber "Dank sei Gott, der uns befreit hat", wie derselbe Apostel sagt. "aus der Macht der Finsternis und versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe5 . An diesem hatte der Fürst dieser Welt, d.i. dieser Finsternisse, nichts, weil Gott weder mit einer Sünde gekommen war noch auch die Jungfrau sein Fleisch aus der Nachkommenschaft der Sünde erzeugt hatte. Und als würde zu ihm gesagt: Warum stirbst Du also, wenn Du keine Sünde hast, für welche die Todesstrafe gebührt, so hat er sogleich beigefügt: "Aber damit die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe, und wie mir der Vater aufgetragen hat, also tue, so stehet auf, laßt uns von hinnen gehen". Zu Tische sitzend redete er zu solchen, die mit ihm zu Tische saßen. "Laßt uns gehen", sagte er; wohin sonst als zu jenem Orte, wo er zum Tode überliefert werden sollte, er, der keine Schuld des Todes hatte? Aber er hatte den Auftrag des Vaters, zu sterben, als derjenige, von welchem vorausgesagt war: "Was ich nicht geraubt, habe ich erstattet"6 , indem er ohne Schuld den Tod aufheben und uns von dem verschuldeten Tod befreien sollte. Geraubt aber hatte Adam die Sünde, da er, durch Stolz getäuscht, die Hand nach dem Baume ausstreckte, um den nicht mitteilbaren Namen der ihm versagten Gottheit an sich zu reißen, welche dem Sohn die Natur verliehen hatte, nicht ein Raub. 80. - 124. Vortrag
1: Jak 4,4 2: Joh 1,10 3: Eph 6,12 4: Eph 5,8 5: Kol 1,12 f. 6: Ps 68,5
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