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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
73. Vortrag

1.

Eine große Hoffnung verhieß der Herr den Seinigen, die auf ihn vertrauen, indem er sprach: „Ich gehe zum Vater, und was ihr immer in meinem Namen bitten werdet, das werde ich tun“. So also ging er zum Vater, daß er die Bedürftigen nicht verließ, sondern die Bittenden erhörte. Aber was heiß: „Um was immer ihr bitten werdet“, da wir sehr oft die Wahrnehmung machen, daß seine Gläubigen bitten und nicht empfangen? Vielleicht etwa deshalb, weil sie schlecht bitten? Denn dies tadelte der Apostel Jakobus mit den Worten: „Ihr bittet und ihr empfanget nicht, weil ihr schlecht bittet, damit ihr es zu euren Gelüsten verwendet“1. Wer also einen schlechten Gebrauch von dem machen möchte, was er erlangen will, erhält es vielmehr durch Gottes Barmherzigkeit nicht. Wenn man ihn demnach um solches bittet, wodurch der Mensch im Falle der Erhörung Schaden leidet, so ist mehr zu befürchten, er möchte, was er aus gnädiger Gesinnung nicht geben könnte, aus Zorn geben. Oder sehen wir nicht, daß die Israeliten zum eigenen Schaden erlangten, wonach sie in sträflicher Begierde trachteten? Denn sie hatten Fleisch zu essen verlangt2, da es ihnen Manna vom Himmel regnete. Sie empfanden nämlich Ekel an dem, was sie hatten, und was sie nicht hatten, begehrten sie unverschämt, als ob sie nicht besser bitten würden, nicht daß die Speise, die nicht vorhanden war, ihrem ungeziemenden Verlangen gewährt würde, sondern daß die, welche vorhanden war, nach geheiltem Ekel verzehrt würde. Denn wenn uns das Böse ergötzt und das Gute nicht ergötzt, sollen wir Gott lieber bitten, daß uns das Gute ergötze, als daß uns das Böse gewährt werde. Nicht [S. 875] weil es etwas Schlechtes ist, Fleisch zu essen, da ja der Apostel, wo er davon redet, sagt: „Jedes Geschöpf ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung genossen wird“3, sondern weil es, wie ebenderselbe sagt, „verderblich ist dem Menschen, der zum Anstoß (anderer) ißt“4, und wenn zum Anstoß bei einem Menschen, um wieviel mehr bei Gott? Gegen ihn war es bei den Israeliten keine kleine Beleidigung, zu verschmähen, was die Weisheit gab, und zu begehren, wonach die Begierlichkeit gelüstete, obwohl jene nicht einmal baten, sondern murrten, daß es ihnen abging. Aber damit wir wüßten, nicht das Geschöpf Gottes sei tadelnswert, sondern der hartnäckige Ungehorsam und die ungeordnete Begierlichkeit, so fand der erste Mensch nicht durch ein Schwein, sondern durch einen Apfel den Tod5, und verlor Esau sein Erstgeburtsrecht nicht wegen einer Henne, sondern wegen eines Linsenmuses6.

1: Jak. 4, 3.
2: Num. 11, 32.
3: 1 Tim. 4, 4.
4: Röm. 14, 20.
5: Gen. 3, 6.
6: Gen. 25, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger