Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 72. Vortrag
3. "Und größere als diese wird er tun". "Als diese". Welche? bitte ich. Tut denn etwa derjenige größere Werke, als alle Werke Christi sind, der "mit Furcht und Zittern sein Heil wirkt"1 , was übrigens Christus in ihm, aber nicht ohne ihn wirkt? Ja in der Tat, ich möchte dieses Werk größer nennen, als der Himmel und die Erde ist, und was immer im Himmel und auf Erden zu sehen ist. Denn Himmel und Erde werden vergehen2 ; das Heil und die Rechtfertigung der Vorherbestimmten aber, d.i. derjenigen, die er vorherweiß, wird bleiben. In jenen treten uns nur Werke Gottes entgegen, in diesen aber das Bild Gottes. Aber auch im Himmel sind die Throne, Herrschaften, Fürstentümer, Mächte, Erzengel und Engel Werke Christi; vollbringt nun etwa derjenige, welcher unter der Tätigkeit Christi in seiner Seele seine ewige Seligkeit und Rechtfertigung berwirkt, größere Werke als diese? Ich wage hier nicht voreilig ein Urteil auszusprechen; verstehe es, wer kann, urteile, wer kann, ob es ein größeres Werk sei, Gerechte zu schaffen als Gottlose zu rechtfertigen. Denn wenn auch beides gleiche Macht offenbart, so doch auf jeden Fall dieses größere Erbarmung. Denn "dies ist das große Geheimnis der Gottselig¬keit, das geoffenbart ist im Fleische, gerechtfertigt im Geiste, erschienen den Engeln, gepredigt unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit"3 . Aber alle Werke Christi zu verstehen, wo er sagt: "Größere als diese wird er tun", zwingt uns keine Notwendigkeit. Denn "als diese" verstand er vielleicht so, daß er die Werke meinte, welche er in jener Stunde tat; damals aber wirkte er Worte des Glaubens, und von diesen Werken hatte er früher gesprochen, da er sagte: "Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir bleibt, der tut die Werke". Damals also waren seine Worte seine Werke. Und gewiß ist es weniger, Worte der Gerechtigkeit zu predigen, was er ohne uns getan hat, als die Gottlosen zu recht¬fertigen, was er so in uns tut, daß es auch wir tun. Es bleibt noch zu untersuchen übrig, wie zu verstehen sei: "Um was ihr immer in meinem Namen bitten werdet, ich werde es tun". Denn wegen der vielen Dinge, welche seine Gläubigen erbitten und nicht erlangen, erhebt sich hieraus eine nicht kleine Frage, allein da diese Rede nunmehr zu beendigen ist, so möge zu ihrer Erwägung und Behandlung wenigstens ein kleiner Aufschub gewährt werden.
1: Phil 2,12 2: Mt 24,35 3: 1 Tim 3,16
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