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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
66. Vortrag

2.

Oder hat der Apostel Petrus ― wie ihn in der Tat einige aus verkehrter Eingenommenheit zu entschuldigen suchen1 ― Christus nicht verleugnet, weil er auf die Frage der Magd den Menschen nicht zu kennen versicherte, wie die andern Evangelisten bestimmter berichten? Als ob, wer den Menschen Christus verleugnet, Christus nicht verleugnete, und so gerade das in ihm verleugnete, was er unsertwegen geworden ist, damit das nicht verloren ginge, wozu er uns gemacht hatte. Wer also Christus so als Gott bekennt, daß er ihn als Menschen leugnet, für den ist Christus nicht gestorben, weil Christus nach seiner menschlichen Natur gestorben ist. [S. 845] Wer den Menschen Christus leugnet, wird mit Gott nicht versöhnt durch den Mittler. Denn „ ein Gott ist, und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“2. Wer den Menschen Christus leugnet, wird nicht gerechtfertigt; denn „wie durch den Ungehorsam eines Menschen viele zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam eines Menschen viele gerechtfertigt“3. Wer den Menschen Christus leugnet, wird nicht auferstehen bei der Auferstehung des Lebens; denn „durch einen Menschen ist der Tod und durch einen Menschen ist die Auferstehung der Toten; denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht“4. Wodurch aber ist er das Haupt der Kirche, wenn nicht als Mensch, weil das Wort Fleisch geworden ist, d. h. weil Gott, der Eingeborene Gottes des Vaters, Mensch geworden ist? Wie ist also der im Leibe Christi, der den Menschen Christus leugnet? Denn wer das Haupt leugnet, wie ist der ein Glied? Doch wozu halte ich mich dabei lange auf, da der Herr selbst alle Weitschweifigkeit menschlicher Beweisführung abgeschnitten hat? Er sagt nämlich nicht: Der Hahn wird nicht krähen, bis du den Menschen verleugnest, oder, wie er im vertraulichen Verkehr mit den Menschen zu sagen pflegte: Der Hahn wird nicht krähen, bis du den Menschensohn dreimal verleugnest, sondern er sagt: „Bis du mich dreimal verleugnest“. Was heißt: „mich“, als was er war? Und was war er sonst als Christus? Was immer also er an ihm verleugnet hat, er hat ihn verleugnet, er hat Christus verleugnet, er hat den Herrn seinen Gott verleugnet. Denn auch jener Mitjünger Thomas hat, als er ausrief: „Mein Herr und mein Gott“, nicht das Wort, sondern das Fleisch angefaßt, nicht die unkörperliche Natur Gottes, sondern den Leib des Menschen mit neugierigen Händen betastet5. Er hat also den Menschen berührt und doch Gott erkannt. Wenn also, was dieser [S. 846] berührte, Petrus verleugnet hat, so hat, was dieser ausrief, Petrus verletzt. „Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnest.“ Du magst sagen: „Ich kenne den Menschen nicht“; du magst sagen: „Mensch, ich weiß nicht, was du sagst“; du magst sagen: „Ich gehöre nicht zu seinen Jüngern“6: du wirst mich verleugnen. Wenn, was man nicht bezweifeln darf, Christus dies gesagt und damit etwas Wahres vorausgesagt hat, so hat Petrus ohne Zweifel Christus verleugnet. Wir sollen nicht Christus anklagen, wenn wir Petrus verteidigen. Die Schwachheit anerkenne die Sünde; denn die Wahrheit hat keine Lüge. Die Schwachheit des Petrus hat nämlich ihre Sünde anerkannt, vollständig anerkannt, und die Größe des Übels, das er durch die Verleugnung Christi bewirkte, hat er durch sein Weinen angezeigt. Er selbst hat seine Verteidiger widerlegt, und um sie zu widerlegen, führt er seine Tränen als Zeugen an. Auch uns macht es, wenn wir dies sagen, keine Freude, den ersten der Apostel anzuklagen, sondern beim Hinblick auf ihn sollen wir daran erinnert werden, daß kein Mensch auf menschliche Kräfte vertraue. Denn worauf zielte unser Lehrer und Heiland sonst ab, als uns gerade an dem ersten der Apostel durch ein Beispiel zu zeigen, daß ja keiner auf sich selbst vertrauen solle? In der Seele des Petrus also trat ein, wozu er sich im Leibe erbot. Er ist jedoch nicht für den Herrn, wie er unbesonnen sich vermaß, vorangegangen, sondern anders, als er meinte. Denn vor dem Tode und der Auferstehung des Herrn starb er durch Verleugnung und lebte wieder auf durch Bußfertigkeit; er starb aber, weil er stolz auf sich selbst vertraute; er lebte wieder auf, weil jener ihn mild anblickte.

1: Ambrosius in Luc. XXII.
2: 1 Tim. 2, 5.
3: Röm. 5, 19.
4: 1 Kor. 15, 21 f.
5: Joh. 20, 27 f.
6: Matth. 26, 34; 69―74: Luk. 22, 55― 60.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger