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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
62. Vortrag

1.

Ich weiß, Teuerste, es haben manche Bedenken, seien es Fromme, um der Sache nachzugehen, oder Unfromme, um sie zu tadeln, daß, nachdem der Herr das eingetunkte Brot seinem Verräter gegeben hatte, der Satan in ihn fuhr. Denn so steht geschrieben: „Und als er das Brot eingetunkt hatte, gab er es dem Judas Ischariot, Simons Sohn, und nach dem Brote fuhr der Satan in ihn“. Sie sagen nämlich: Hat also das vom Tische Christi gereichte Brot Christi bewirkt, daß nach ihm der Satan in seinen Jünger fuhr? Diesen antworten wir: Dadurch werden wir belehrt, wie sehr man sich hüten muß, das Gute schlecht zu empfangen. Es hängt nämlich sehr viel davon ab, nicht was einer empfängt, sondern wer es empfängt, und nicht, wie das beschaffen ist, was gegeben wird, sondern wie beschaffen der ist, dem es gegeben wird. Denn das Gute schadet und das Böse nützt, je nachdem diejenigen sind, welchen es gegeben wird. „Die Sünde“, sagt der Apostel, „damit sie als Sünde offenbar werde, bewirkte mir durch das Gute den Tod“1. Siehe, durch das Gute ist das Böse bewirkt worden, indem das Gute schlecht empfangen wurde. Desgleichen sagt derselbe: „Damit ich mich in der Größe meiner Offenbarungen nicht überhebe, ward mir ein Stachel meines Fleisches gegeben, ein Engel des Satans, daß er mich züchtige. Deshalb habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß er ihn von mir wegnehme, und er sprach zu mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet“2. [S. 826] Siehe, durch Böses ist Gutes bewirkt worden, indem das Böse gut empfangen wurde. Was wunderst du dich also, daß dem Judas das Brot Christi gegeben wurde, wodurch er dem Teufel überantwortet wurde, da du umgekehrt siehst, daß dem Paulus ein Engel des Satans gegeben wurde, durch den er in Christus vollendet werden sollte? So hat also sowohl das Gute dem Bösen geschadet, als auch das Böse dem Guten genützt. Erinnert euch an das, was geschrieben steht: „Wer unwürdig das Brot des Herrn ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn“3. Und es war, als der Apostel dies sagte, die Rede von denen, welche den Leib des Herrn wie irgendeine andere Speise unterschiedslos und gleichgültig nahmen. Wenn also hier derjenige getadelt wird, welcher den Leib des Herrn nicht unterscheidet, d. h. von andern Speisen nicht unterscheidet, wie wird dann der erst verurteilt werden, der zu seinem Tische scheinbar wir ein Freund, in Wirklichkeit als Feind hinzutritt? Wenn vom Tadel getroffen wird die Gleichgültigkeit des Tischgenossen, mit welcher Strafe wird der Verkäufer des Gastgebers heimgesucht? Was war aber das dem Verräter gegebene Brot, als ein Hinweis darauf, gegen welche Gnade er undankbar gewesen?

1: Röm. 7, 13.
2: 2 Kor. 12, 7―9.
3: 1 Kor. 11, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger