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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
60. Vortrag

5.

Sehr stark sind zwar die Christen ― wenn es solche gibt ―, die beim Herannahen des Todes durchaus nicht erregt werden, aber sind sie etwa stärker als Christus? Welcher Tor möchte das behaupten? Warum also wurde jener erregt, als weil er die Schwachen in seinem Leibe d. i. in seiner Kirche durch freiwillige Gleichförmigkeit mit ihrer Schwachheit getröstet hat, damit, wenn von den Seinigen manche noch beim Herannahen des Todes beunruhigt werden, dieselben auf ihn schauen möchten, auf daß sie nicht, sich deswegen für verworfen haltend, dem noch schlimmeren Tod der Verzweiflung anheimfallen? Welch großes Gut also dürfen wir von der Teilnahme an der Gottheit desjenigen erwarten und hoffen, dessen Beunruhigung uns beruhigt und dessen Schwachheit uns stärkt? Mag er also nach jener Stelle aus Mitleid mit dem zugrunde gehenden Judas betrübt worden sein, oder mag er wegen des herannahenden Todes betrübt worden sein, es ist jedenfalls nicht im geringsten zu zweifeln, daß er nicht aus geistiger Schwäche, sondern aus eigener Machtvollkommenheit betrübt wurde, damit wir nicht am Heile [S. 819] verzweifeln, wenn wir nicht aus freier Verfügung, sondern aus Schwachheit betrübt werden. Er trug ja die Schwachheit des Fleisches an sich, und diese Schwachheit ist in der Auferstehung vernichtet worden. Aber der nicht bloß Mensch, sondern auch Gott war, übertraf in unsagbarem Abstand das ganze Menschengeschlecht an Starkmut. Nicht durch einen Zwang also von fremder Seite wurde er betrübt, sondern er betrübte sich selbst. Dies wird von ihm ausdrücklich gesagt, da er den Lazarus erweckte; denn dort heißt es, er habe sich selbst betrübt1, damit man es so verstehe auch da, wo man es nicht so geschrieben liest und doch von seiner Betrübnis liest. Er hat ja eben, wenn er es für notwendig hielt, einen menschlichen Affekt in sich selbst aus eigener Macht hervorgerufen, er, der den ganzen Menschen freimächtig annahm.

1: Joh. 11, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger