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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
50. Vortrag

12.

Aber was folgt weiter? „Denn Arme werdet ihr immer um euch haben, mich aber werdet ihr nicht immer haben“. Wir verstehen zwar: „Arme werdet ihr immer haben“; was er da sprach, ist wahr. Wann ist die Kirche ohne Arme? „Mich aber werdet ihr nicht immer haben“, was heißt dies? Wie ist zu verstehen: „Mich aber werdet ihr nicht immer haben“? Erschrecket nicht, das ist dem Judas gesagt. Warum hat er also nicht gesagt: Du wirst haben, sondern: „Ihr werdet haben“? Weil es nicht bloß einen Judas gibt. Ein Böser bedeutet den Leib der Bösen, wie Petrus den Leib der Guten oder vielmehr den Leib der Kirche, aber in den Guten. Denn wenn in Petrus nicht ein Sinnbild der Kirche wäre, so würde der Herr zu ihm nicht sagen: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben; was immer du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein, und was immer du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein“1. Wenn das nur zu Petrus gesagt ist, tut [S. 744] dies die Kirche nicht. Wenn es aber in der Kirche geschieht, so daß, was auf Erden gebunden wird, im Himmel gebunden ist, und was auf Erden gelöst wird, im Himmel gelöst ist, weil, indem die Kirche exkommuniziert, der Exkommunizierte im Himmel gebunden wird, und indem er von der Kirche wieder aufgenommen wird, der Aufgenommene im Himmel gelöst wird; wenn also dies in der Kirche geschieht, so hat Petrus bei dem Empfang der Schlüssel die heilige Kirche gesinnbildet. Wenn in der Person des Petrus die Guten in der Kirche vorhergebildet sind, so sind in der Person des Judas die Bösen in der Kirche vorhergebildet; zu diesen ist gesagt: „Mich aber werdet ihr nicht immer haben“. Denn was heißt: „nicht immer“? Und was heißt: immer? Wenn du gut bist, wenn du zum Leibe der Kirche gehörst, den Petrus sinnbildet, so hast du Christus in der Gegenwart und in der Zukunft: in der Gegenwart durch den Glauben, in der Gegenwart durch das Zeichen (des Kreuzes), in der Gegenwart durch das Sakrament der Taufe, in der Gegenwart durch die Speise und den Trank des Altars. Du hast Christus in der Gegenwart, aber du wirst ihn immer haben; denn wenn du von hinnen scheidest, wirst du zu dem kommen, der zum Schächer gesagt hat: „Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein“2. Wenn du aber einen schlechten Lebenswandel führst, so hat es den Anschein, als hättest du in der Gegenwart Christus, weil du in die Kirche gehst, dich mit dem Zeichen Christi bezeichnest, dich unter die Glieder Christi mischest, zum Altare Christi hinzutrittst; in der Gegenwart hast du Christus, aber [S. 745] wegen deines schlechten Lebens wirst du ihn nicht immer haben.

1: Matth. 16, 19. Zum folgenden sei bemerkt: Die Worte: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben“ usw., sind insofern von Christus nicht zu Petrus allein gesprochen worden, als die Schlüsselgewalt sowie die Binde- und Lösegewalt dem Petrus nicht als ein persönliches Privilegium, das mit seinem Tode erlöschen sollte, sondern als eine auf seine Nachfolger im Amte zu vererbende übertragen wurde, so daß die Kirche in den Nachfolgern des hl. Petrus und ― in untergeordneter Weise in den übrigen Gliedern der Hierarchie ― jene Gewalt immer besitzen und ausüben wird. Die Kirche sodann sinnbildete oder repräsentierte Petrus nicht als ein bloßes Symbol, sondern als Haupt oder Fundament der Kirche, somit als Amtsträger, als Inhaber der jurisdiktionellen Gewalt. Augustin kann nicht als Vertreter des protestantischen Gemeindeprinzips oder auch nur als Vertreter der Anschauung eines Richer und Febronius über den Träger der kirchlichen Gewalt angesehen werden. Den näheren Nachweis siehe in des Übersetzers Schrift: Die Lehre von der Kirche nach dem hl. Augustin, Paderb. 1892, S. 143 ff.
2: Luk. 23, 43.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger