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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
49. Vortrag

2.

Wir lesen jedoch im Evangelium von den Toten, die der Herr erweckt hat, und vielleicht nicht ohne Grund. Die Taten des Herrn sind nämlich nicht bloß Taten, sondern Zeichen. Wenn es also Zeichen sind, dann deuten sie, abgesehen davon, daß sie wunderbar sind, gewiß noch etwas an. Die Bedeutung dieser Taten festzustellen, fordert etwas mehr Mühe, als sie zu lesen oder zu hören. Mit Erstaunen hörten wir, als würde das Schauspiel eines großen Wunders vor unsern Augen aufgeführt, bei der Verlesung des Evangeliums, wie Lazarus wieder zum Leben kam. Wenn wir die so wunderbaren Werke Christi betrachten jeder steht auf, der glaubt; wenn wir alle Todesarten betrachten und die verabscheuungswürdigeren verstehen jeder stirbt, der sündigt. Allein den Tod des Fleisches fürchtet jeder Mensch, den Tod der Seele nur wenige. Um den Tod des Fleisches, der sicher einmal kommen wird, sind alle besorgt, daß er nicht komme; darum mühen sie sich. Der Mensch, der doch einmal sterben muß, müht sich, daß er nicht sterbe, und der Mensch, der ewig leben soll, müht sich nicht, daß er nicht sündige. Und wenn er sich müht, daß er nicht sterbe, müht er sich umsonst; denn er erzielt nur einen längeren Aufschub des Todes, aber kein Ausbleiben; wenn er aber die Sünde meidet, wird er kleine Mühe haben und ewig leben. O wenn wir doch alle Menschen aneifern könnten, und mit ihnen selbst angeeifert würden, solche Liebhaber des dauernden Lebens zu sein, wie die Menschen Liebhaber des vergänglichen Lebens sind! Was tut der Mensch nicht, wenn er sich in Todesgefahr befindet? Wenn das Schwert drohend über dem Nacken schwebte, gaben die Menschen alles preis, was sie zu ihrem Lebensunterhalte aufgespart hatten. Wer hätte es nicht sofort hingegeben, um nicht getötet zu werden? Und nach der Hingabe ist er vielleicht getötet worden. Wer hätte nicht sofort, um am Leben bleiben zu können, gerne auf seinen Lebensunterhalt verzichtet, indem er ein armseliges Leben dem schnellen Tode vorzog? Zu wem ist je gesagt worden: Reise mit einem Schiffe ab, damit du nicht sterben mußt, und er hätte es verschoben? Zu wem ist je gesagt worden: Gib dir Mühe, damit du nicht sterben mußt, und er wäre saumselig gewesen? Leichtes gebietet uns Gott, damit wir ewig leben, und wir versäumen es gehorsam zu sein. Gott sagt zu dir nicht: Gib alles hin, was du hast, um auf kurze Zeit ein mühevolles Dasein in Sorgen zu führen, sondern: Gib dem Armen von deinem Vermögen, um für immer mühelos und sicher zu leben. Es klagen uns die Liebhaber dieses zeitlichen Lebens an, das sie weder, wann sie wollen noch solange sie wollen, haben, und wir klagen uns einander nicht an, die wir doch so träge, so lau in der Ergreifung des ewigen Lebens sind, das wir, wenn wir wollen, erlangen werden, und wenn wir es einmal erlangt haben, nicht mehr verlieren werden; diesen Tod aber, den wir fürchten, werden wir, auch wenn wir nicht wollen, auf uns nehmen müssen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger